Inklusion schaffen mit differenziertem Lernarrangement

Inklusion? Klar, machen wir. Wir sind ja politisch korrekt. Und dann steht man da als Physik-Lehrer im Jahrgang 9 und steht 24 unterschiedlichen Schüler_innen gegenüber, von denen drei offiziell den Status von Förderschülern haben, etliche darüber hinaus eher große Schwierigkeiten mit dem Lernen haben – ohne dass sie einen Förderstatus haben. Drei Schüler haben den Ehrgeiz auf die Oberstufe gehen zu wollen. Und viele, die Veranstaltung, die man so Unterricht nennt, einfach über sich ergehen lässt. Das ganz normale eben. img_0875

Dass jetzt neben den ganzen verschiedenen Persönlichkeiten nun auch einige Förderschüler mit in der Klasse sitzen, macht die Heterogenität nur noch etwas bunter, die Bandbreite der Leistungsmöglichkeiten nur noch etwas größer. Ich musste mir also überlegen, wie ich auf diese Situation reagiere. Vielleicht kann mir das digitale Lernen weiterhelfen.img_0871

Ich habe die zwei wöchentlichen Physikstunden stark durchdifferenziert. Es gibt in diesen Stunden einen gemeinsamen Teil, in dem ich mit der Klasse über ein Thema spreche, etwas erkläre oder wir die Inhalte wiederholen. Der größte Teil der Stunde arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Tischgruppen. Dazu schreibe ich alle Aufgaben auf einen Arbeitsplan, der auf allen Tischen ausliegt. Die Schüler_innen nehmen sich entsprechend ihrer Leistungsfähigkeiten die Aufgaben heraus oder arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Grundlegende Anforderungen sind die Aufgaben in grün, „Advanced“ die Aufgaben in orange und blau sind die „master“-Aufgaben. phy9_ltb6_energieumwandlung

Die Aufgaben sind auch auf der Lernplattform, dem virtuellen Klassenraum, verfügbar. Diesen virtuellen Klassenraum habe ich über den Beamer auf die Leinwand projiziert. Hier sind dann auch noch Internetlinks und Videos zum Thema verfügbar. Die Erklärvideos sind auch mit einem QR-Code, der an der Wand hängt, abrufbar. Ja, die Schüler_innen dürfen ihre Handys für lernbezogene Dinge im Unterricht nutzen. Auf den Tischen liegen neben Büchern, dem Arbeitsplan, einem Kompetenzraster zur Beurteilung der Selbststeuerung ihrer Arbeit auch ein Macbook. Mit diesem kann an der Tischgruppe auf den virtuellen Klassenraum und weiteren Lernseiten zugegriffen werden. img_0872

Durch dieses Lernarrangement habe ich die Chance, von Tischgruppe zu Tischgruppe zu gehen, mit den Schüler_innen zu sprechen, Hilfen zu geben, zu motivieren usw. Ich kann also individuell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen, je nach ihrem Lernniveau. Jetzt kann ich mir die Zeit nehmen, mit den Aspiranten auf die Oberstufe auf höherem Niveau zu sprechen, sowie den Förderschülern Hilfen und Tipps zu geben.

Theoretisch! In der Praxis bin ich natürlich nicht teilbar und habe viel zu wenig Zeit für die einzelnen Schülergruppen. Probleme mit dem Lernen bedeutet für viele Schüler_innen eben auch, kaum eigenen Antrieb zum Arbeiten zu haben. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, die jungen Leute dazu zu bewegen, überhaupt ihre Unterlagen herauszuholen, ihre Privatgespräche in die Pause zu verlegen oder sich überhaupt erst einmal auf eine Lernsituation einzulassen. Hierbei ist dann noch kein inhaltliches Wort gefallen. Für meine Wahrnehmung kommt inhaltlich viel zu wenig herum. img_0874

Helfen die digitalen Tools? Perspektivisch schon. Aber digitales Lernen erfordert genauso das Beherrschen von Kulturtechniken wie das Aufschlagen eines Buches. Das Aufschreiben von eigenen Inhalten mit einem Computer braucht genauso Kompetenzen wie das Schreiben in einem Heft. Diese müssen genauso gelernt werden wie das Schreiben mit Papier und Stift. Und bei den digitalen Kulturtechniken gibt es das gleiche Kompetenzgefälle wie bei den analogen Techniken. Also ist hier Beharrlichkeit wie immer beim Lernen gefordert. In einer Inklusionsklasse gehört das Arbeiten mit dem Computer genauso dazu wie das Ausschneiden und Aufkleben von Bildchen ins Heft.

Besonders die Animationen und die Erklärfilme helfen vielen Schüler_innen beim Verstehen von komplexen Dingen. Man kann sich diese Hilfen mehrfach ansehen, bis man es kapiert hat. Auf der Lernplattform kann ich die Links zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass die Schüler_innen nicht im Netz versinken.

Meine Antwort auf die Herausforderungen der heterogenen Gruppen in der Inklusion ist das hochdifferenzierte Arbeiten mit Arbeitsplänen und vielfältigen Lernangeboten. Diese Angebote liegen auf einem Materialientisch, wo sich jeder Schüler_in sich die für sich wichtigen Materialien nehmen kann. IMG_0873.JPG

Trotzdem sehe ich Grenzen, in wie weit ich den unterschiedlichen Anforderungen heterogener Schüler_innen-Gruppen als einzelner Lehrer gerecht werden kann. Neulich kam es im Rahmen der Notenbesprechung zu einem offenen Streit zwischen einer leistungsstarken und einer schwächeren Schülerin. Beide beschwerten sich, dass ich mich zu wenig um sie kümmere. Deshalb unterstütze ich die Volksinitiative „Gute Inklusion“ in Hamburg.

http://gute-inklusion.de

Die Volksinitiative hat eine Unterschriftensammlung in Hamburg gestartet, um die Bedingungen für Inklusion an den Schulen zu verbessern. Inklusion ist eben nicht zum Nulltarif zu bekommen.

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Systemisches Arbeiten an der Schule

Seit einem halben Jahr mache ich eine zweijährige Ausbildung zum systemischen Berater. Ich möchte damit meine Kompetenzen und Erfahrungen erweitern, um gezielter Schüler_innen fördern zu können.

Worum geht es dabei?

Der systemische Ansatz geht davon aus, dass die Menschen in einen Geflecht auch Beziehungen und Rollen handeln und sich entsprechend verhalten. Dabei ist jeder Mensch ein „geschlossenes System“, das autonom handelt und von außen nicht beeinflussbar ist. Im System Schule bedeutet dieses, dass Aufforderungen, wie „du musst dich mehr melden“ oder „du sollst deine Hausaufgaben machen“, sinnlos sind.

Wichtiger wäre aus systemischer Sicht herauszufinden, was den Schüler hindert, sich zu melden oder Hausaufgaben zu machen, und wie man das System, das Setting ändern kann, damit die Möglichkeit besteht, sein Verhalten zu ändern. Aufforderungen allein reichen nicht aus.

Hier setzen die Lernentwicklungsgespräche (LEGs) an, die ich (und die ganze Schule) in der letzten Woche mit meinen Schülern geführt habe. Für jeden Schüler und dessen Eltern habe ich 30 Minuten Zeit, individuell zu sprechen. In 30 Minuten lässt sich schon einiges entwickeln, und ich empfinde die LEGs einen deutlichen Fortschritt zu den früheren, und an anderen Schulen noch üblichen Elternsprechtagen.

Aus der systemischen Sicht nehme ich erst einmal eine wertschätzende Haltung ein. Ich gehe davon aus, dass jeder Schüler etwas lernen will und sich verbessern möchte. Ich versuche diese Haltung in einer anerkennenden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dabei stelle ich Fragen und halte mich mit eigenen Einschätzungen zurück. Ich gehe davon aus, dass meine Schüler_innen selbst Experten für ihr Handeln sind. Meine Aufgabe ist es, durch geschicktes Fragen die Schüler_innen selbst zu Lösungen und Einschätzungen kommen zu lassen. Die Lösung für Probleme sind immer schon im Individuum vorhanden und müssen nur „freigelegt“ werden.

Ich versuche in der systemischen Beratung von den Potentialen und Ressourcen der Schüler_innen, die mir gegenüber sitzen, auszugehen. Deshalb ist es wichtig, diese erst einmal herauszufinden. Das ist in der Schule oft gar nicht so einfach, weil das System Schule leider noch immer eher auf die Defizite schaut, auf das was die Lernenden noch nicht können. Auch ich bin wider besseren Wissens gefangener des Systems Schule. Um so wichtiger ist die Betrachtung der Ressourcen in einem LEG. Dabei ist es immer wieder überraschend, dass die Lernenden sich oft negativer einschätzen als ich es auch meiner Sicht machen würde. Wir benutzen dafür Ankreuzlisten zu unterschiedlichen Aussagen. Meine Aufgabe ist es in dieser Phase, die Potentiale der Schüler_innen sichtbar zu machen und ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie aufbauen können.

Dann beginnt die Identifizierung der Baustellen, die die Lernenden bearbeiten wollen. Das sollten nicht mehr als drei sein, weil mehr Veränderung  kein Mensch auf einmal bewältigen kann. Daraus werden Ziele formuliert, die erreicht werden wollen. Die Ziele sollten SMART sein, also Spezifisch (genau), Messbar, Akzeptabel, Realistisch und Terminierbar sein. Der häufig von Schüler_innen genannte Wunsch, „ich will mich in Mathe verbessern“, ist nicht spezifisch, weil viel zu ungenau ist, und er ist nicht messbar. Auch hier nehme ich eine beratende Haltung ein und versuche, die Ziele mit den Lernenden gemeinsam zu entwickeln.

Wir überprüfen die Ziele im Gespräch durch „zirkuläre Fragen„, indem wir schauen, was andere dazu sagen würden, wenn das Ziel erreicht wäre. „Was würde deine Mutter, deine Geschwister, dein Bauch dazu sagen, wenn du selbstbewusster geworden bist und dich um Unterricht trauen würdest, etwas zu sagen?“ Manchmal bringen diese Sichtweisen starke Emotionen hoch, heute brach eine Schülerin in Tränen aus, als sie sich vorstellte, sie und ihre Mutter könnte ganz stolz auf sie sein.

Ziele können natürlich nicht „in einem Rutsch“ erreicht werden, deshalb ist es wichtig, den ersten Schritt herauszufinden. Dabei helfen Skalierungen weiter: „Stelle dir eine Skala von 1 – 10 vor und markiere die Stelle, wo du heute in Bezug auf deine Frage stehst. Wo willst du in einem halben Jahr sein? Was wäre der erste Schritt in diese Richtung?“

Leider reicht die Zeit für eine Auswirkungsüberprüfung nicht mehr aus: „Was wäre das für ein Gefühl, wenn du dein Ziel erreicht hast?“

Am Ende des Lernentwicklungsgespräches fasse ich das besprochene noch einmal zusammen. Auf einem Formblatt sind die Besprechungspunkte festgehalten. Alle Beteiligten unterschreiben, Schüler_innen, Eltern, Lehrer_innen.

Ich empfinde die Lernentwicklungsgespräche als ein Highlight im Schuljahr. Selten gibt es intensivere Momente, in denen man die Entwicklung von jungen Menschen begleiten und unterstützen kann. Die wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung öffnet die Lernenden Schritt für Schritt. Es ist dann schön zu merken, wie sich Entwicklung und Veränderung dann von selbst entwickelt. Eine fordernde Haltung („die Schüler sollen…“) ist wenig hilfreich für die Entwicklung einer positiven Lernkultur.

Projekte und digitales Lernen in der Studienstufe

Das neue Schuljahr hat begonnen und ich habe eine neue Profilklasse mit den Fächern Politik, Geografie und Seminar gestartet: Die Profilklasse MenschWelt. Ich gehe mit diesem Konzept in die dritte Runde und möchte meinen Schwerpunkte: Projekte und digitales Lernen, in diesem Profil ausbauen.

Hier ist mein Konzept: profilklasse-mw1618-planung

Ich hätte besonders Interesse an einer digitalen Austauschmöglichkeit meiner Schüler_innen mit anderen Klassen in Deutschland und Europa. Die Bearbeitung eines gemeinsamen Blogs wäre ein lohnendes Projekt.

Zurzeit bearbeiten wir ein Stadtteilprojekt: Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen. Weitere Projektideen wären die Organisation eines Jugendkongresses, in dem die Schüler Jungpolitiker in die Schule zur Diskussion einladen, ein Europaprojekt oder ein Projekt zum Thema Migration. Ich würde mich über Kontakte zu anderen Schulen und Lehrer_innen freuen.

Auch im digitalen Lernen würde ich gerne wieder etwas ausprobieren. In meinem Planungskonzept habe ich eine Liste verzeichnet, welche digitalen Tools ich gerne ausprobieren würde. Ein Hindernis gab es am Schuljahresanfang: Ein Bagger hat in den Ferien eine Wasserleitung gekappt, die den gesamten Keller mit Server unter Wasser gesetzt hat. Während der Server an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden konnte, ging das WLAN mehrere Wochen nicht. Ich fand es doch schon erschreckend und überraschend, wie abhängig ich mittlerweile vom Internetzugang im Unterricht bin. Sogar das normale Drucken lief über den defekten Router und war somit nicht mehr möglich.

Aber nun kann es losgehen, alles geht wieder. Ich freue mich über weitere Projektideen für die Klassenstufen 12 und 13.

Schuljahresende

IMG_0700Nun sind die Abiturienten entlassen, die Zeugnisse geschrieben, die Notenlisten abgeschlossen. Damit scheinen die Schüler ihre Arbeit einzustellen. Ich dachte mir, ich mache noch ein paar Stunden zum Thema Suchmaschinen und Internetrecherche. Aber damit konnte ich auch keinen Blumentopf in der 7. Klasse mehr gewinnen. Die Bereitschaft, überhaupt noch den Denkapparat einzuschalten, ging gegen Null.
Da sagen doch die Neurobiologen immer, dass jedes Kind und jeder Jugendliche eigentlich lernen will. Ja, es sei sogar die Natur unseres Gehirns, dauernd zu lernen. Deshalb heißt ja auch der Untertitel meines Blogs „Lernen ist immer“. Aber für die letzten Schultage scheint das nicht zu gelten. Die Schüler wollen nur noch sich durch einen Film berieseln lassen oder am besten gleich nach Hause.
Auf meine Frage, was sie denn zu Hause am liebsten machen wollen, die Ferien werden doch noch lang genug, bekomme ich zur Antwort: an den Computer.
Aber das, was wir hier immer mit dem „digitalen Lernen“ verhandeln, ist damit wohl nicht gemeint. PokemonGo scheint eine größere Anziehungskraft zu haben.

Eine weitere Frage, die ich mir in der letzten Woche gestellt habe: Wäre die Leistung der Abiturienten bei konsequenter Anwendung digitaler Ressourcen zu verbessern gewesen? Hätte das Durchfallen einiger Schüler vermieden werden können?
Ich habe noch keine Indizien dafür gefunden. Digitale Ressourcen machen das Lernen ja nicht leichter, sondern vielleicht abwechslungsreicher, komplexer, besser erklärt. Aber die Mühe, die aufgewendet werden muss, ist genauso groß. Mir scheinen zwei eher „weiche“ Parameter für den Erfolg maßgeblich zu sein: erstens, wie gut gelingt es den Schülern, sich emotional auf die Lerngegenstände einzulassen, einen Sinn darin zu entdecken; und zweitens, wie weit schaffen sie es, sich eine „innere Struktur“ zu entwickeln, die ihnen genügend Zeit und Ausdauer zum Lernen und Arbeiten gibt.
Können digitale Ressourcen dabei helfen, diese beiden Parameter positiv zu entwickeln? Ich könnte mir hier am ehesten Lerngemeinschaften vorstellen, die sich gegenseitig bestärken und unterstützen. Aus systemischer Sicht sind Lösungen bei Problemen ja immer schon in den Personen angelegt, sie müssen nur entdeckt werden. Der Lehrersprech „Du musst…“ hilft da nicht weiter.
Ich könnte mir internetbasierte Lerngemeinschaften von 3-4 Schülern vorstellen, die Gedanken und Ergebnisse austauschen, uns die sich vor allem emotional unterstützen.
Das will ich im nächsten Schuljahr mal ausprobieren.

Brauchen wir regionale Nutzerkonferenzen?

Das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz macht eine Konferenz zur Digitalen Bildung in Berlin, gerade tagt die #digiFG zur digitalen Flüchtlingshilfe. Zweimal im Jahr trifft sich die nationale EduCommunity auf den Educamps und noc auf diversen Kongressen. Brauchen wir aber nicht auch regionale Treffen, um nicht nur Absichten zu besprechen, sondern ganz konkret etwas zu machen?

Ich wohne und arbeite in Hamburg und die Hamburger sind mit dem Hashtag #digiHH vernetzt. Die Hamburger treffen sich unregelmäßig bei den Edudrinks im betahaus zum Networken. Danach geht aber jeder wieder in seine Institution, meist der Schule, wo wieder der Alltag beginnt. Letztendlich ist die Gruppe der Menschen, die sich hier treffen, verschwindend klein im Verhältnis zu den 16.000 Lehrer_innen, die es in Hamburg gibt.

Brauchen wir nicht regionale Konferenzen, auf denen es möglich ist, ganz praktisch konkrete Unterrichtsprojekte zu entwickeln, anstatt immer nur über die Wichtigkeit des digitalen Bildungswandes zu reden? Gemeinsam Lernvorhaben planen in den Fächern und Klassenstufen! Hier könnten die Menschen zusammenkommen, die regional mit digitalen Ressourcen arbeiten. Lehrer_innen werden meist dann von der Nützlichkeit neuer Lernmöglicheiten überzeugt, wenn diese für ihr eigenes Unterrichtshandeln von Vorteil sind.

Hier könnten regionale Nutzerkonferenzen helfen, die Digitalisierung in den Schulen weterzubringen. Konkrete Fächer, Konkrete Themen, kurze Wege. Wer macht mit?

Hart aber fair: nicht die reine Lehre zählt…

Vor zwei Wochen lief im ersten die Polit-Diskussion „Hart aber fair“ zum Thema „Machen Handys dumm?“.  Ich habe mir die Sendung in der Mediathek einen Tag später angeschaut und nach 30 Minuten entnervt abgeschaltet. Immer wieder ging es um die Radikalpositionen: Der unermüdliche Manfred Spitzer beharrte auf seiner Position, dass Lernen mit elektronischen Geräten keinen wissenschaftlich nachgewiesenen positiven Effekt habe, und sein Gegenpart, Frank Theelen, der eine flächendeckende Programmierausbildung für Schüler forderte, um der US-amerikanischen Dominanz in der Programmierung etwas entgegenzusetzen.  

Trotz des Abschaltens ließen mich die Gedanken an die Sendung nicht los: Was bedeutet das für die Schule, für das Lernen. Helfen und Radikalpositionen weiter? 

Ich glaube, es muss nicht jeder Schüler programmieren lernen. Es ist richtig, dass Europa der US-amerikanischen Dominanz in der Programmierung von Betriebssystemen und Apps etwas entgegen setzen sollte. Dazu ist wirklich ein Informatikunterricht an den Schulen notwendig. Aber der muss nicht flächendeckend für alle sein, sondern für die interessierten. Er sollte auch flankiert sein von gesellschaftswissenschaftlichen Kenntnissen. An meiner Schule findet im Moment kein Informatikunterricht statt – mangels Lehrer_innen. 

Auch das Argument von Manfred Spitzer, dass die Nutzbarkeit von Lernen mir elektronischen Medien wissenschaftlich nachgewiesen werden müsse, sollte man nicht so einfach vom Tisch wischen. Aber er meint immer ein entweder-oder. Lernen mit digitalen Ressourcen ist nicht besser als mit analogen Methoden! Aber, und das finde ich entscheidend, es erweitert die Möglichkeiten. Deshalb ist die Frage, die Spitzer immer wieder aufwirft: besser oder schlechter? Nicht richtig.  Die entscheidende Frage ist, erweitern die digitalen Ressourcen die didaktischen Möglichkeiten? Nicht die Frage: entweder – oder ist die richtige, sondern welche Chancen bieten digitale Ressourcen. 

Und unter diesem Aspekt fand ich den Beitrag von Rangar Yogishwar sehr hilfreich, der meinte, dass alle technologischen Neuerungen eine lange Zeit brauchen, um sich gesellschaftlich zu etablieren. Das neue an der digitalen Revolution sei jedoch, dass die Gesellschaft und die Menschen kaum Zeit haben, sich der rasanten technologischen Entwicklung zu folgen und ihr Verhalten anzupassen. Egal ob Eisenbahn („der Mensch kann keine Geschwindigkeiten über 30 km/h überleben“), das Auto („ich glaube an das Pferd“, Kaiser Wilhelm II), das Radio, das Fernsehen („Ihr kriegt quadratische Augen“, meine Eltern 1975), das Telefon, alle technologische Neuerungen haben eine kritische und innovative Seite. Das Neue ist, dass die technologische Entwicklung so schnell ist, dass die Menschen und die Gesellschaft kaum hinterher kommen. Und deshalb fand ich die Beitrag von Rangar Yogishwar, doch bitte etwas Gelassenheit an den Tag zu legen, sehr richtungsweisend. 

Deshalb glaube ich, das Hauptargument, warum sich Schule mit digitalen Medien beschäftigen sollte ist: weil is sie gibt! 

Die Schule als  Instiution für die Reproduktion für Gesellschaft hat die Aufgabe, den technologischen Wandlungsprozess zu begleiten und denSchüler_innen die Möglichkeit zu geben, sich in diesem Transformationsprozess zurecht zu finden. Dieser Prozess ist widersprüchlich, wie alle bisherigen gesellschaftlichen und technologischen Wandlungsprozesse, aber wir als Schule müssen ihn annehmen, und dürfen nicht in einem Abwehrreflex (Spitzer) und nicht in einem Überreflex (Alle müssen programmieren können) verfallen. Wir befinden uns in einem digitalen Wandel, ob wir wollen oder nicht. Und darauf muss die Schule reagieren. Sonst nimmt sie ihre Verantwortung für die gesellschaftliche Reproduktion nicht wahr. 

Digitale Ressourcen gehören in die Schule – wir müssen damit umgehen lernen.