Lernen organisieren mit MeisterTask

Am Anfang des Schuljahres war die von mir in meinen Lerngruppen benutzte Lernplattform abhanden gekommen. Die Schule unterstützte die Nutzung nicht mehr. Ich war dadurch auf der Suche nach etwas neuem.

Für ein zeitgemäßes Lernen braucht man aus meiner Sicht eine Lernplattform, auf der man das Lernen für die Lerngruppe organisiert, auf die alle Lernende zugreifen können und einen individuellen Zugang zum Lernen bietet. Sie sollte mehr sein als eine einfache Dateiablage. An meiner Schule arbeiten wir mir iServ, was eine gute Kommunikation und eine Dateiablage bietet. Aber zu einer Lernplattform eignet sich eigentlich nicht.

Vor einigen Jahren habe ich einen Schülerkongress mit Trello organisiert, die Schüler_innen haben die Projektplattform gut angenommen und selbstständig ihr Projekt organisiert (siehe Beitrag von mir weiter unten). Doch Trello steht in den USA und entzieht sich dem europäischen Datenschutzrecht. Ich bin auf MeisterTask gestoßen, ebenfalls ein Projektplanungtool, das seine Server in Frankfurt stehen hat. Also habe ich in meinem Projektkurs in der Klasse 12 MeisterTask ausprobiert.

meistertask

Das Board ist Aufgebaut wie ein SCRUM-Board mit vorgefertigten Spalten offen, in Arbeit und Erledigt. Man eigene weitere Spalten hinzufügen. Jede Aufgabe bekommt eine Karte, auf der die notiert wird. Auf dieser Karte werden dann Beschreibungen, Checklisten und Dokumente hinterlegt, die für die Aufgabe nötig sind.

meistertask Aufgabe.

Nach etwas Eingewöhnung haben die Schüler_innen das Board gut angenommen. Gut ist, dass das Tool eine App hat, mit der man vom Smartphone und iPad arbeiten kann. Alle Lernaktivitäten kann ich jetzt von jedem beliebigen Ort aus vorbereiten und organisieren. Viele Lernende, die mit iPads arbeiten, geben ihre Aufgaben über das Board ab. Dafür habe ich die Spalte Abgabe eingerichtet. Es ist auch sehr wünschenswert, dass alle Lernende sehen, was ihre Mitschüler_innen gemacht haben.

Für die Projektarbeit habe ich weitere Spalten eingerichtet. Jede Projektgruppe hat eine eigene Spalte, in der sie ihre Aufgaben organisiert. Jeder kann alles sehen, und ich kann den Projektfortschritt für jede Gruppe übersehen und über die Kommentarfunktion weitere Tipps geben. In diesem Projekt arbeiten wir an der Untersuchung der Lebensbedingungen in Hamburger Stadtteilen. Bildschirmfoto 2019-09-19 um 16.10.09

Man kann jede Aufgabe einem Lernenden zuordnen. Leider ist die Zuordnung zu mehreren Schüler_innen nicht möglich. Jede_r Nutzer_in hat ein persönliches Board, auf dem er/sie sich die Aufgaben selbst organisieren kann.

MeisterTask ist in der Basisversion kostenlos. Die Pro-Version, die auch eine Teamfunktion enthält, ist dann schon mit 8,25€ pro Monat relativ teuer. Ich arbeite jetzt seit vier Wochen mit MeisterTask und mir scheint es ganz gut geeignet, Lernprojekte in einer Klasse zu organisieren. Wenn ich in den Klassenraum komme, öffne ich zuerst das Board, um in einem Stand up den Stand der Arbeit mit den Schüler_innen zu besprechen.

Ich bin gespannt auf Erfahrungen anderer Anwender.

Back to school…

Das Sabbatjahr ist zu Ende. Ich gehe wieder zur Schule. Dieses Bild von pixabay.com habe ich auf meiner Asienreise leider nicht gesehen, aber es ist so schön, dass ich es hier einfüge.

Das Schuljahr fing chaotisch an, kein Stundenplan, keine Kurslisten, verkehrte Räume, kein Wifi, kein Server, ausgefallen.

Dieser kleine Tweet hat mir jedoch viel Mitgefühl eingebracht, und viele neue Follower. Mehr, als es je ein Beitrag geschafft hat. Das lässt mich doch aufhorchen. Wenn etwas nicht klappt, bekommt man viel Aufmerksamkeit. Das scheint hier im Netz genauso zu sein wie im Lehrerzimmer. Ist das eine Lehrer-Marotte?

Vor einigen Jahren habe ich mit einem Kollegen ein kleines „Hidden theatre“ im Lehrerzimmer aufgeführt. An einem Tag sind wir gemeinsam in die große Pause ins Lehrerzimmer gekommen und haben uns lautstark über die chaotischen Schüler, ihre Faulheit, Renitenz, Frechheit und was man sich sonst noch so alles ausmalen kann, beschwert. Wir haben spontan viel Zuspruch, Unterstützung und Mitleid von den KollegInnen bekommen.

Am nächsten Tag sind wir wieder gemeinsam ins Lehrerzimmer gekommen und haben uns lautstark über eine super Stunde, lernbegeisterte Schüler, funktionierende Lernkonzepte, spaßige Beziehungen ausgetauscht. Reaktion? Keine! Ignoranz! Null! Es scheint: das will keiner hören.

Sind LehrerInnen immer defizitorientiert? Ich will es eigentlich nicht glauben. Wie sind eure Erfahrungen? Ich muss leider sagen, dass auch sonst im Alltag als Lehrer der negative Blick mehr Aufmerksamkeit bekommt als der Blick auf das Gelingende. Wer von tollen Stunden berichtet, wird eher beargwöhnt als interessiert befragt, was das Geheimrezept sei.

Dabei sollte man als Lehrende doch „ins Gelingen verliebt sein“ ….

Projektkurs „Von Hamburg in die Welt“

Mal richtig Zeit haben! Nicht durch 5 Kapitel hetzen bis zur nächsten Klassenarbeit! Den Sachen mal auf den Grund gehen können! An den Interessen der Schüler_innen anknüpfen! In Projekten arbeiten!

Träumen wir Pädagogen nicht immer davon, den vermeintlichen Zwängen des Lehrplans und der Klassenarbeitsplanung zu entfliehen?

Das alles soll Wirklichkeit werden in den neuen Projektkursen an der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg. Nach einjähriger Vorbereitungszeit durch die AG Projektkurse haben sich die Schüler_innen des 7. Jahrganges in 6 Projektkurse gewählt. Ich ging am Anfang des neuen Schuljahres mit dem Projektkurs „Von Hamburg in die Welt“ mit 25 Schüler_innen an den Start. In diesem Projektkurs will ich Projekte im geografischen und gesellschaftlich/politischen Kontext entwickeln.

Das erste Projekt „Expedition“ sollte die vielfältigen Möglichkeiten der geografischen Orientierung, von Himmelsrichtungen bis zu GPS zum Thema haben. Die Schüler können lernen, wie man eine Expedition plant und organisiert. Ich will sie dazu motivieren, sich mit Karten, geografischen Strukturen und immer neuen Fragen auf einer Exkursion zu beschäftigen.

Unsere erste Expedition führte uns in den nahen Park, dem Niendorfer Gehege. An der Kirche orientierten wir uns mit der aufgehenden Sonne, der Wetterfahne auf der Kirchturmspitze und der Ausrichtung des Kirchenschiffes. Mit der Kompass-App kontrollierten wir die Ausrichtung unserer Karte. Dann ging es auf zum nahen großen Spielplatz. Die erste Gruppe machte sich auf den Weg, mit der Karte in der Hand – und in falscher Richtung. Alle anderen Gruppen stratzten ohne Nachdenken hinterher. So kamen die Schüler_innen erst mit größerer Verspätung und großem Umweg an – an der Kartenorientierung müssen wir also noch arbeiten.

Auf dem Spielplatz war die Aufgabe, eine eigene Skizze des Platzes aus der Helikopter-perspektve zu zeichnen. Aber die Schüler_innen gingen lieber an den Geräten spielen, sie sind dann doch noch Kinder.

Die nächste Expedition ging dann an den Elbstrand nach Wittenbergen. Dabei stand wieder die Orientierung nach Karten auf dem Programm. Darüber hinaus wollte ich herausfinden, wie weit die Schüler_innen eigene Fragen stellen können, die man auf einer Expedition stellen, und vielleicht auch beantworten kann. Leider war das Ergebnis ernüchternd. Die Kleinen spielten am Strand und liefen die Geesthügel herunter, aber was vielleicht spannend sein könnte am Ufer des großen Flusses, fiel keinem ein. Dabei floss die Elbe gerade „verkehrt herum“ flussaufwärts, große Schiffe fuhren vorbei, ein Leuchtturm und ein Radarturm waren in Sichtweite, Wasserstandspegel konnten begutachtet werden. Viele Gelegenheiten, sich Fragen zu stellen. Aber haben wir in der Schule den Schüler_innen die Neugier schon abgewöhnt, weil wir immer die Fragen stellen?

Das Ziel des Projektkurses, an den Interessen der Schüler_innen anzuknüpfen, war noch schwer umzusetzen, weil sie einfach keine Interessen äußerten. Also mehr Geduld haben.

Wir haben dann die Expedition in der Klasse nachgearbeitet. Dabei habe ich als Lehrer dann doch wieder die Aufgaben gestellt:

  • Was muss man für eine Expedition mitnehmen?
  • Wie plant man den Weg?
  • Welche Verpflegung ist sinnvoll?
  • Welche Fragen kann man in seinem Exkursionsgebiet stellen?
  • Wie bestimmt man die Himmelsrichtungen?
  • Was muss man über den Fluss Elbe wissen?
  • Wie kann man Wege mit Karten planen? Wie kann man Tools wie http://www.Gpsies.com zur Wegplanung nutzen?

Die Schüler arbeiten mit einem Projektheft, in das sie alle Lern- und Arbeitsergebnisse eintragen. Das Projektheft ist auch ihr Lernnachweis. Bei Tests dürfen sie es zum Nachschlagen benutzen, als Belohnung für gutes Arbeiten. Leider ist die Begeisterung für das Nacharbeiten von Expeditionen, wobei man seine Erlebnisse und Erkenntnisse aufarbeitet und aufschreibt, nicht sehr beliebt bei den jungen Leuten. Die meisten Projektkursschüler_innen kommen nur sehr mühselig zu Ergebnissen in ihrem Projektheft. Etwas fünf Schüler arbeiten interessiert, sieben bekommen gar keine Ergebnisse in ihr Heft.

Bei der Projektvorstellung hatten sich die Schüler_innen wohl doch etwas falsche Vorstellungen gemacht. Sie hatten wohl den Eindruck, dass in diesem Projektkurs nur Ausflüge gemacht werden. Dass Lernen in Projekten auch fleißige Mühsal bedeutet, habe ich wohl nicht genug deutlich gemacht.

Es ist ja nichts neues in der Pädagogenszene, dass Lehrer darüber jammern, was die Schüler alles nicht können, was sie eigentlich können sollten. Wir müssen die Schüler so nehmen, wie sie zu uns kommen und das beste daraus machen. Wir Lehrer müssen das Lernsetting immer wieder so anpassen, dass für die Schüler gute Lernmöglichkeiten entstehen.

Die Zauberformel, wie ich mehr als die acht interessierten Schüler (von 25) begeistern könnte, habe ich noch nicht gefunden. 1/3 interessierte Schüler_innen sind jedoch viel zu wenig, um eine anregende Atmosphäre und ein projektorientiertes Arbeiten in einem Kurs zu ermöglichen. Erschwerend ist, dass der Kurs aus sechs verschiedenen Klassen zusammengesetzt ist. Noch sind die Schüler_innen nicht wirklich bereit, sich auf die Mitschüler aus den anderen Klassen einzulassen.

Hier ist die Ausschreibung für den Projektkurs: Ausschreibung Projektkurs

Hier sind meine bisherigen Arbeitspläne: Aufgaben Projekt1 Expedition

Der Lehrer als Gastgeber

Lange ist es her, da begeisterten die Filme von Reinhard Kahl die Pädagogenszene. Seine Filme „Treibhäuser der Zukunft“ führten uns durch ganz Deutschland zu „gelingenden“ Schulen. Reinhard Kahl dokumentierte Schulen, in denen das Lernen besser gelingen sollte als in anderen. „Gelingen“ – das hörte sich ganz unwissenschaftlich an in Zeiten, wo über Kompetenzen und standardisierte Test diskutiert wurde. Aber das ganz undogmatisch daherkommende Wort „Gelingen“ ermöglichte einen unvoreingenommenen Blick auf das, was gezeigt wurde.

Von dem hat mich bis heute ein Lehrer der Bodenseeschule stark beeindruckt, von einer Schule, die ohne den ganzen Reformzirkus auskommt. Das Porträt dieses Lernens nannte Reinhard Kahl „Der Lehrer als Gastgeber“ – eine Haltung, die ich mir gerne immer öfter zu eigen machen möchte als Lehrer. Diese Haltung hat auch den Namen dieses Blogs geprägt:  Als Lehrer arrangiere ich eine Lernumgebung, in der das Lernen stattfinden kann. Dieses Lernen geht weit über das „Unterrichtet-Werden“ hinaus: Über das Smartphone kann an der Bushaltestelle, in der U-Bahn, in der Nacht, auf dem Klo usw. gelernt werden. Dank der Lernportale kann man immer auf die Lerninhalte zugreifen. Deshalb der Untertitel: Lernen ist immer.

In der Bodenseeschule begrüßte der Lehrer seine Schüler mit Handschlag, das war der Beginn der Stunde. Der Lehrer stellte die Lernmaterialien bereit, sprach mit einzelnen Schüler_innen, gab noch einige Tipps,  beantwortete Fragen usw. Die Schüler_innen nahmen ihre Kästen mit den Aufgaben aus dem Regal und finden an zu arbeiten. Alles ganz entspannt und gelassen, und das in einer 7. Klasse einer Werkrealschule. Ich versuche auch, mindestens zehn Minuten vor dem Klingeln im Unterrichtsraum zu sein und die Tische vorzubereiten. Bücher auf die Tische legen, Aufgabenblätter auslegen, Computer auf jeden Gruppentisch, ev. Versuche vorbereiten. Beamer anschalten, Lernportal aufrufen und ggf. ein Lernvideo aufrufen. An Tagen, an denen ich die ersten Stunden habe, versuche ich am Abend vorher die Tische vorzubereiten.

Die Schüler_innen trudeln dann so langsam ein, sitzen in den letzten Pausenminuten noch vor den Handys und klönen noch die letzten Dinge. Und dann, in der letzten Woche ist es passiert, da schaue ich um 10.03 Uhr auf die Uhr und sehe, dass alle Schüler_innen arbeiten. Ich hatte noch kein allgemeines „Guten Morgen“ gesagt, sonst ja das stumme Zeichen, so langsam die Hefte herauszuholen. Nein, oh Wunder, die Schüler_innen sind von sich aus angefangen. Was will man mehr als Lehrer?

Die Lernenden arbeiten in ihrem eigenen Tempo an den Arbeitsplänen, die auf allen Tischen liegen. Ein Arbeiten im Gleichschritt wäre in den heterogenen Inklusionsklassen auch gar nicht möglich. Ihre Bearbeitungen schreiben sie in das Lerntagebuch. Dieses ist ganz individuell gestaltet und ihr persönlicher Lernnachweis. Das Lerntagebuch sammle ich auch ein und bewerte es. Sie dürfen es auch bei Tests zum Nachschlagen benutzen – ich möchte ja kein Bulimielernen für den Test. Ich bin mir sicher, dass alles, was sie im Lerntagebuch aufgeschrieben haben, auch im Kopf verankert wird.

Die Smartphones gehören auf den Tisch und sind Bestandteil des Lernens. Ich habe die Regel aufgestellt, dass zwischen Klingeln und Klingeln das Smartphone nur für unterrichtsbezogene Dinge benutzt wird. An der Tafel hängen die QR-Codes der Lernvideos oder wichtiger Internetseiten. Die Tafel benutze ich nur für organisatorische Dinge. Lerninfos halte ich auf Flipcharts fest, da man diese auch in den nächsten Stunden noch wieder anschauen kann.

Während der 90 Minuten Lernzeit (ich drücke mich um das offizielle Wort „Unterrichtsstunde“) gibt es natürlich 1-2 kurze Inputs von mir für alle. Die Inputs sind auch für die externe Motivation wichtig. Viele Lerngegenstände sind ja nicht von sich aus spannend und sollten erst durch die Begeisterung der Lehrperson spannend inszeniert werden. An  diesem Punkt finde ich die Haltung als Gastgeber auch wichtig: Der Gastgeber möchte ja sein Essen oder den Anlass, für den geladen wurde, auch in gutem Licht dastehen, damit sich die Gäste wohlfühlen. Und ich glaube fest, wenn die Schüler_innen sich wohlfühlen, können sie auch gut lernen.

Der Lernraum (Fachraum oder Klassenraum) soll ein Ort des Lernens sein. Diese Regel gebe ich als Gastgeber vor. Wenn die Schüler_innen mal nicht gut lernen können, weil sie auf Klo müssen, das Meerschweinchen krank ist, sie mit den Gedanken woanders sind, dürfen sie eine grüne Karte auf den Tisch legen und den Lernraum verlassen. Sie geben mit der grünen Karte das Vertrauen, dieses Recht nicht auszunutzen. Das nervige „darf ich mal auf Toilette“ entfällt und unterbricht nicht mehr die Lernatmosphäre.

Ich habe einen Stuhl mit Rollen in der Klasse, mit dem ich von Tischgruppe zu Tischgruppe  rolle. Ich setze mich an die Tischgruppe und spreche mit den Schüler_innen über ihre Aufgaben oder gebe ihnen noch zusätzliche Inputs. Eine individuellere Betreuung ist kaum möglich. Durch den Rollstuhl kann ich immer auf Augenhöhe bleiben und spreche nicht „von oben“ mit den Lernenden.

 

Inklusion schaffen mit differenziertem Lernarrangement

Inklusion? Klar, machen wir. Wir sind ja politisch korrekt. Und dann steht man da als Physik-Lehrer im Jahrgang 9 und steht 24 unterschiedlichen Schüler_innen gegenüber, von denen drei offiziell den Status von Förderschülern haben, etliche darüber hinaus eher große Schwierigkeiten mit dem Lernen haben – ohne dass sie einen Förderstatus haben. Drei Schüler haben den Ehrgeiz auf die Oberstufe gehen zu wollen. Und viele, die Veranstaltung, die man so Unterricht nennt, einfach über sich ergehen lässt. Das ganz normale eben. img_0875

Dass jetzt neben den ganzen verschiedenen Persönlichkeiten nun auch einige Förderschüler mit in der Klasse sitzen, macht die Heterogenität nur noch etwas bunter, die Bandbreite der Leistungsmöglichkeiten nur noch etwas größer. Ich musste mir also überlegen, wie ich auf diese Situation reagiere. Vielleicht kann mir das digitale Lernen weiterhelfen.img_0871

Ich habe die zwei wöchentlichen Physikstunden stark durchdifferenziert. Es gibt in diesen Stunden einen gemeinsamen Teil, in dem ich mit der Klasse über ein Thema spreche, etwas erkläre oder wir die Inhalte wiederholen. Der größte Teil der Stunde arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Tischgruppen. Dazu schreibe ich alle Aufgaben auf einen Arbeitsplan, der auf allen Tischen ausliegt. Die Schüler_innen nehmen sich entsprechend ihrer Leistungsfähigkeiten die Aufgaben heraus oder arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Grundlegende Anforderungen sind die Aufgaben in grün, „Advanced“ die Aufgaben in orange und blau sind die „master“-Aufgaben. phy9_ltb6_energieumwandlung

Die Aufgaben sind auch auf der Lernplattform, dem virtuellen Klassenraum, verfügbar. Diesen virtuellen Klassenraum habe ich über den Beamer auf die Leinwand projiziert. Hier sind dann auch noch Internetlinks und Videos zum Thema verfügbar. Die Erklärvideos sind auch mit einem QR-Code, der an der Wand hängt, abrufbar. Ja, die Schüler_innen dürfen ihre Handys für lernbezogene Dinge im Unterricht nutzen. Auf den Tischen liegen neben Büchern, dem Arbeitsplan, einem Kompetenzraster zur Beurteilung der Selbststeuerung ihrer Arbeit auch ein Macbook. Mit diesem kann an der Tischgruppe auf den virtuellen Klassenraum und weiteren Lernseiten zugegriffen werden. img_0872

Durch dieses Lernarrangement habe ich die Chance, von Tischgruppe zu Tischgruppe zu gehen, mit den Schüler_innen zu sprechen, Hilfen zu geben, zu motivieren usw. Ich kann also individuell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen, je nach ihrem Lernniveau. Jetzt kann ich mir die Zeit nehmen, mit den Aspiranten auf die Oberstufe auf höherem Niveau zu sprechen, sowie den Förderschülern Hilfen und Tipps zu geben.

Theoretisch! In der Praxis bin ich natürlich nicht teilbar und habe viel zu wenig Zeit für die einzelnen Schülergruppen. Probleme mit dem Lernen bedeutet für viele Schüler_innen eben auch, kaum eigenen Antrieb zum Arbeiten zu haben. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, die jungen Leute dazu zu bewegen, überhaupt ihre Unterlagen herauszuholen, ihre Privatgespräche in die Pause zu verlegen oder sich überhaupt erst einmal auf eine Lernsituation einzulassen. Hierbei ist dann noch kein inhaltliches Wort gefallen. Für meine Wahrnehmung kommt inhaltlich viel zu wenig herum. img_0874

Helfen die digitalen Tools? Perspektivisch schon. Aber digitales Lernen erfordert genauso das Beherrschen von Kulturtechniken wie das Aufschlagen eines Buches. Das Aufschreiben von eigenen Inhalten mit einem Computer braucht genauso Kompetenzen wie das Schreiben in einem Heft. Diese müssen genauso gelernt werden wie das Schreiben mit Papier und Stift. Und bei den digitalen Kulturtechniken gibt es das gleiche Kompetenzgefälle wie bei den analogen Techniken. Also ist hier Beharrlichkeit wie immer beim Lernen gefordert. In einer Inklusionsklasse gehört das Arbeiten mit dem Computer genauso dazu wie das Ausschneiden und Aufkleben von Bildchen ins Heft.

Besonders die Animationen und die Erklärfilme helfen vielen Schüler_innen beim Verstehen von komplexen Dingen. Man kann sich diese Hilfen mehrfach ansehen, bis man es kapiert hat. Auf der Lernplattform kann ich die Links zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass die Schüler_innen nicht im Netz versinken.

Meine Antwort auf die Herausforderungen der heterogenen Gruppen in der Inklusion ist das hochdifferenzierte Arbeiten mit Arbeitsplänen und vielfältigen Lernangeboten. Diese Angebote liegen auf einem Materialientisch, wo sich jeder Schüler_in sich die für sich wichtigen Materialien nehmen kann. IMG_0873.JPG

Trotzdem sehe ich Grenzen, in wie weit ich den unterschiedlichen Anforderungen heterogener Schüler_innen-Gruppen als einzelner Lehrer gerecht werden kann. Neulich kam es im Rahmen der Notenbesprechung zu einem offenen Streit zwischen einer leistungsstarken und einer schwächeren Schülerin. Beide beschwerten sich, dass ich mich zu wenig um sie kümmere. Deshalb unterstütze ich die Volksinitiative „Gute Inklusion“ in Hamburg.

http://gute-inklusion.de

Die Volksinitiative hat eine Unterschriftensammlung in Hamburg gestartet, um die Bedingungen für Inklusion an den Schulen zu verbessern. Inklusion ist eben nicht zum Nulltarif zu bekommen.

Systemisches Arbeiten an der Schule

Seit einem halben Jahr mache ich eine zweijährige Ausbildung zum systemischen Berater. Ich möchte damit meine Kompetenzen und Erfahrungen erweitern, um gezielter Schüler_innen fördern zu können.

Worum geht es dabei?

Der systemische Ansatz geht davon aus, dass die Menschen in einen Geflecht auch Beziehungen und Rollen handeln und sich entsprechend verhalten. Dabei ist jeder Mensch ein „geschlossenes System“, das autonom handelt und von außen nicht beeinflussbar ist. Im System Schule bedeutet dieses, dass Aufforderungen, wie „du musst dich mehr melden“ oder „du sollst deine Hausaufgaben machen“, sinnlos sind.

Wichtiger wäre aus systemischer Sicht herauszufinden, was den Schüler hindert, sich zu melden oder Hausaufgaben zu machen, und wie man das System, das Setting ändern kann, damit die Möglichkeit besteht, sein Verhalten zu ändern. Aufforderungen allein reichen nicht aus.

Hier setzen die Lernentwicklungsgespräche (LEGs) an, die ich (und die ganze Schule) in der letzten Woche mit meinen Schülern geführt habe. Für jeden Schüler und dessen Eltern habe ich 30 Minuten Zeit, individuell zu sprechen. In 30 Minuten lässt sich schon einiges entwickeln, und ich empfinde die LEGs einen deutlichen Fortschritt zu den früheren, und an anderen Schulen noch üblichen Elternsprechtagen.

Aus der systemischen Sicht nehme ich erst einmal eine wertschätzende Haltung ein. Ich gehe davon aus, dass jeder Schüler etwas lernen will und sich verbessern möchte. Ich versuche diese Haltung in einer anerkennenden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dabei stelle ich Fragen und halte mich mit eigenen Einschätzungen zurück. Ich gehe davon aus, dass meine Schüler_innen selbst Experten für ihr Handeln sind. Meine Aufgabe ist es, durch geschicktes Fragen die Schüler_innen selbst zu Lösungen und Einschätzungen kommen zu lassen. Die Lösung für Probleme sind immer schon im Individuum vorhanden und müssen nur „freigelegt“ werden.

Ich versuche in der systemischen Beratung von den Potentialen und Ressourcen der Schüler_innen, die mir gegenüber sitzen, auszugehen. Deshalb ist es wichtig, diese erst einmal herauszufinden. Das ist in der Schule oft gar nicht so einfach, weil das System Schule leider noch immer eher auf die Defizite schaut, auf das was die Lernenden noch nicht können. Auch ich bin wider besseren Wissens gefangener des Systems Schule. Um so wichtiger ist die Betrachtung der Ressourcen in einem LEG. Dabei ist es immer wieder überraschend, dass die Lernenden sich oft negativer einschätzen als ich es auch meiner Sicht machen würde. Wir benutzen dafür Ankreuzlisten zu unterschiedlichen Aussagen. Meine Aufgabe ist es in dieser Phase, die Potentiale der Schüler_innen sichtbar zu machen und ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie aufbauen können.

Dann beginnt die Identifizierung der Baustellen, die die Lernenden bearbeiten wollen. Das sollten nicht mehr als drei sein, weil mehr Veränderung  kein Mensch auf einmal bewältigen kann. Daraus werden Ziele formuliert, die erreicht werden wollen. Die Ziele sollten SMART sein, also Spezifisch (genau), Messbar, Akzeptabel, Realistisch und Terminierbar sein. Der häufig von Schüler_innen genannte Wunsch, „ich will mich in Mathe verbessern“, ist nicht spezifisch, weil viel zu ungenau ist, und er ist nicht messbar. Auch hier nehme ich eine beratende Haltung ein und versuche, die Ziele mit den Lernenden gemeinsam zu entwickeln.

Wir überprüfen die Ziele im Gespräch durch „zirkuläre Fragen„, indem wir schauen, was andere dazu sagen würden, wenn das Ziel erreicht wäre. „Was würde deine Mutter, deine Geschwister, dein Bauch dazu sagen, wenn du selbstbewusster geworden bist und dich um Unterricht trauen würdest, etwas zu sagen?“ Manchmal bringen diese Sichtweisen starke Emotionen hoch, heute brach eine Schülerin in Tränen aus, als sie sich vorstellte, sie und ihre Mutter könnte ganz stolz auf sie sein.

Ziele können natürlich nicht „in einem Rutsch“ erreicht werden, deshalb ist es wichtig, den ersten Schritt herauszufinden. Dabei helfen Skalierungen weiter: „Stelle dir eine Skala von 1 – 10 vor und markiere die Stelle, wo du heute in Bezug auf deine Frage stehst. Wo willst du in einem halben Jahr sein? Was wäre der erste Schritt in diese Richtung?“

Leider reicht die Zeit für eine Auswirkungsüberprüfung nicht mehr aus: „Was wäre das für ein Gefühl, wenn du dein Ziel erreicht hast?“

Am Ende des Lernentwicklungsgespräches fasse ich das besprochene noch einmal zusammen. Auf einem Formblatt sind die Besprechungspunkte festgehalten. Alle Beteiligten unterschreiben, Schüler_innen, Eltern, Lehrer_innen.

Ich empfinde die Lernentwicklungsgespräche als ein Highlight im Schuljahr. Selten gibt es intensivere Momente, in denen man die Entwicklung von jungen Menschen begleiten und unterstützen kann. Die wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung öffnet die Lernenden Schritt für Schritt. Es ist dann schön zu merken, wie sich Entwicklung und Veränderung dann von selbst entwickelt. Eine fordernde Haltung („die Schüler sollen…“) ist wenig hilfreich für die Entwicklung einer positiven Lernkultur.

Schuljahresende

IMG_0700Nun sind die Abiturienten entlassen, die Zeugnisse geschrieben, die Notenlisten abgeschlossen. Damit scheinen die Schüler ihre Arbeit einzustellen. Ich dachte mir, ich mache noch ein paar Stunden zum Thema Suchmaschinen und Internetrecherche. Aber damit konnte ich auch keinen Blumentopf in der 7. Klasse mehr gewinnen. Die Bereitschaft, überhaupt noch den Denkapparat einzuschalten, ging gegen Null.
Da sagen doch die Neurobiologen immer, dass jedes Kind und jeder Jugendliche eigentlich lernen will. Ja, es sei sogar die Natur unseres Gehirns, dauernd zu lernen. Deshalb heißt ja auch der Untertitel meines Blogs „Lernen ist immer“. Aber für die letzten Schultage scheint das nicht zu gelten. Die Schüler wollen nur noch sich durch einen Film berieseln lassen oder am besten gleich nach Hause.
Auf meine Frage, was sie denn zu Hause am liebsten machen wollen, die Ferien werden doch noch lang genug, bekomme ich zur Antwort: an den Computer.
Aber das, was wir hier immer mit dem „digitalen Lernen“ verhandeln, ist damit wohl nicht gemeint. PokemonGo scheint eine größere Anziehungskraft zu haben.

Eine weitere Frage, die ich mir in der letzten Woche gestellt habe: Wäre die Leistung der Abiturienten bei konsequenter Anwendung digitaler Ressourcen zu verbessern gewesen? Hätte das Durchfallen einiger Schüler vermieden werden können?
Ich habe noch keine Indizien dafür gefunden. Digitale Ressourcen machen das Lernen ja nicht leichter, sondern vielleicht abwechslungsreicher, komplexer, besser erklärt. Aber die Mühe, die aufgewendet werden muss, ist genauso groß. Mir scheinen zwei eher „weiche“ Parameter für den Erfolg maßgeblich zu sein: erstens, wie gut gelingt es den Schülern, sich emotional auf die Lerngegenstände einzulassen, einen Sinn darin zu entdecken; und zweitens, wie weit schaffen sie es, sich eine „innere Struktur“ zu entwickeln, die ihnen genügend Zeit und Ausdauer zum Lernen und Arbeiten gibt.
Können digitale Ressourcen dabei helfen, diese beiden Parameter positiv zu entwickeln? Ich könnte mir hier am ehesten Lerngemeinschaften vorstellen, die sich gegenseitig bestärken und unterstützen. Aus systemischer Sicht sind Lösungen bei Problemen ja immer schon in den Personen angelegt, sie müssen nur entdeckt werden. Der Lehrersprech „Du musst…“ hilft da nicht weiter.
Ich könnte mir internetbasierte Lerngemeinschaften von 3-4 Schülern vorstellen, die Gedanken und Ergebnisse austauschen, uns die sich vor allem emotional unterstützen.
Das will ich im nächsten Schuljahr mal ausprobieren.