Der Lehrer als Gastgeber

Lange ist es her, da begeisterten die Filme von Reinhard Kahl die Pädagogenszene. Seine Filme „Treibhäuser der Zukunft“ führten uns durch ganz Deutschland zu „gelingenden“ Schulen. Reinhard Kahl dokumentierte Schulen, in denen das Lernen besser gelingen sollte als in anderen. „Gelingen“ – das hörte sich ganz unwissenschaftlich an in Zeiten, wo über Kompetenzen und standardisierte Test diskutiert wurde. Aber das ganz undogmatisch daherkommende Wort „Gelingen“ ermöglichte einen unvoreingenommenen Blick auf das, was gezeigt wurde.

Von dem hat mich bis heute ein Lehrer der Bodenseeschule stark beeindruckt, von einer Schule, die ohne den ganzen Reformzirkus auskommt. Das Porträt dieses Lernens nannte Reinhard Kahl „Der Lehrer als Gastgeber“ – eine Haltung, die ich mir gerne immer öfter zu eigen machen möchte als Lehrer. Diese Haltung hat auch den Namen dieses Blogs geprägt:  Als Lehrer arrangiere ich eine Lernumgebung, in der das Lernen stattfinden kann. Dieses Lernen geht weit über das „Unterrichtet-Werden“ hinaus: Über das Smartphone kann an der Bushaltestelle, in der U-Bahn, in der Nacht, auf dem Klo usw. gelernt werden. Dank der Lernportale kann man immer auf die Lerninhalte zugreifen. Deshalb der Untertitel: Lernen ist immer.

In der Bodenseeschule begrüßte der Lehrer seine Schüler mit Handschlag, das war der Beginn der Stunde. Der Lehrer stellte die Lernmaterialien bereit, sprach mit einzelnen Schüler_innen, gab noch einige Tipps,  beantwortete Fragen usw. Die Schüler_innen nahmen ihre Kästen mit den Aufgaben aus dem Regal und finden an zu arbeiten. Alles ganz entspannt und gelassen, und das in einer 7. Klasse einer Werkrealschule. Ich versuche auch, mindestens zehn Minuten vor dem Klingeln im Unterrichtsraum zu sein und die Tische vorzubereiten. Bücher auf die Tische legen, Aufgabenblätter auslegen, Computer auf jeden Gruppentisch, ev. Versuche vorbereiten. Beamer anschalten, Lernportal aufrufen und ggf. ein Lernvideo aufrufen. An Tagen, an denen ich die ersten Stunden habe, versuche ich am Abend vorher die Tische vorzubereiten.

Die Schüler_innen trudeln dann so langsam ein, sitzen in den letzten Pausenminuten noch vor den Handys und klönen noch die letzten Dinge. Und dann, in der letzten Woche ist es passiert, da schaue ich um 10.03 Uhr auf die Uhr und sehe, dass alle Schüler_innen arbeiten. Ich hatte noch kein allgemeines „Guten Morgen“ gesagt, sonst ja das stumme Zeichen, so langsam die Hefte herauszuholen. Nein, oh Wunder, die Schüler_innen sind von sich aus angefangen. Was will man mehr als Lehrer?

Die Lernenden arbeiten in ihrem eigenen Tempo an den Arbeitsplänen, die auf allen Tischen liegen. Ein Arbeiten im Gleichschritt wäre in den heterogenen Inklusionsklassen auch gar nicht möglich. Ihre Bearbeitungen schreiben sie in das Lerntagebuch. Dieses ist ganz individuell gestaltet und ihr persönlicher Lernnachweis. Das Lerntagebuch sammle ich auch ein und bewerte es. Sie dürfen es auch bei Tests zum Nachschlagen benutzen – ich möchte ja kein Bulimielernen für den Test. Ich bin mir sicher, dass alles, was sie im Lerntagebuch aufgeschrieben haben, auch im Kopf verankert wird.

Die Smartphones gehören auf den Tisch und sind Bestandteil des Lernens. Ich habe die Regel aufgestellt, dass zwischen Klingeln und Klingeln das Smartphone nur für unterrichtsbezogene Dinge benutzt wird. An der Tafel hängen die QR-Codes der Lernvideos oder wichtiger Internetseiten. Die Tafel benutze ich nur für organisatorische Dinge. Lerninfos halte ich auf Flipcharts fest, da man diese auch in den nächsten Stunden noch wieder anschauen kann.

Während der 90 Minuten Lernzeit (ich drücke mich um das offizielle Wort „Unterrichtsstunde“) gibt es natürlich 1-2 kurze Inputs von mir für alle. Die Inputs sind auch für die externe Motivation wichtig. Viele Lerngegenstände sind ja nicht von sich aus spannend und sollten erst durch die Begeisterung der Lehrperson spannend inszeniert werden. An  diesem Punkt finde ich die Haltung als Gastgeber auch wichtig: Der Gastgeber möchte ja sein Essen oder den Anlass, für den geladen wurde, auch in gutem Licht dastehen, damit sich die Gäste wohlfühlen. Und ich glaube fest, wenn die Schüler_innen sich wohlfühlen, können sie auch gut lernen.

Der Lernraum (Fachraum oder Klassenraum) soll ein Ort des Lernens sein. Diese Regel gebe ich als Gastgeber vor. Wenn die Schüler_innen mal nicht gut lernen können, weil sie auf Klo müssen, das Meerschweinchen krank ist, sie mit den Gedanken woanders sind, dürfen sie eine grüne Karte auf den Tisch legen und den Lernraum verlassen. Sie geben mit der grünen Karte das Vertrauen, dieses Recht nicht auszunutzen. Das nervige „darf ich mal auf Toilette“ entfällt und unterbricht nicht mehr die Lernatmosphäre.

Ich habe einen Stuhl mit Rollen in der Klasse, mit dem ich von Tischgruppe zu Tischgruppe  rolle. Ich setze mich an die Tischgruppe und spreche mit den Schüler_innen über ihre Aufgaben oder gebe ihnen noch zusätzliche Inputs. Eine individuellere Betreuung ist kaum möglich. Durch den Rollstuhl kann ich immer auf Augenhöhe bleiben und spreche nicht „von oben“ mit den Lernenden.

 

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Systemisches Arbeiten an der Schule

Seit einem halben Jahr mache ich eine zweijährige Ausbildung zum systemischen Berater. Ich möchte damit meine Kompetenzen und Erfahrungen erweitern, um gezielter Schüler_innen fördern zu können.

Worum geht es dabei?

Der systemische Ansatz geht davon aus, dass die Menschen in einen Geflecht auch Beziehungen und Rollen handeln und sich entsprechend verhalten. Dabei ist jeder Mensch ein „geschlossenes System“, das autonom handelt und von außen nicht beeinflussbar ist. Im System Schule bedeutet dieses, dass Aufforderungen, wie „du musst dich mehr melden“ oder „du sollst deine Hausaufgaben machen“, sinnlos sind.

Wichtiger wäre aus systemischer Sicht herauszufinden, was den Schüler hindert, sich zu melden oder Hausaufgaben zu machen, und wie man das System, das Setting ändern kann, damit die Möglichkeit besteht, sein Verhalten zu ändern. Aufforderungen allein reichen nicht aus.

Hier setzen die Lernentwicklungsgespräche (LEGs) an, die ich (und die ganze Schule) in der letzten Woche mit meinen Schülern geführt habe. Für jeden Schüler und dessen Eltern habe ich 30 Minuten Zeit, individuell zu sprechen. In 30 Minuten lässt sich schon einiges entwickeln, und ich empfinde die LEGs einen deutlichen Fortschritt zu den früheren, und an anderen Schulen noch üblichen Elternsprechtagen.

Aus der systemischen Sicht nehme ich erst einmal eine wertschätzende Haltung ein. Ich gehe davon aus, dass jeder Schüler etwas lernen will und sich verbessern möchte. Ich versuche diese Haltung in einer anerkennenden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dabei stelle ich Fragen und halte mich mit eigenen Einschätzungen zurück. Ich gehe davon aus, dass meine Schüler_innen selbst Experten für ihr Handeln sind. Meine Aufgabe ist es, durch geschicktes Fragen die Schüler_innen selbst zu Lösungen und Einschätzungen kommen zu lassen. Die Lösung für Probleme sind immer schon im Individuum vorhanden und müssen nur „freigelegt“ werden.

Ich versuche in der systemischen Beratung von den Potentialen und Ressourcen der Schüler_innen, die mir gegenüber sitzen, auszugehen. Deshalb ist es wichtig, diese erst einmal herauszufinden. Das ist in der Schule oft gar nicht so einfach, weil das System Schule leider noch immer eher auf die Defizite schaut, auf das was die Lernenden noch nicht können. Auch ich bin wider besseren Wissens gefangener des Systems Schule. Um so wichtiger ist die Betrachtung der Ressourcen in einem LEG. Dabei ist es immer wieder überraschend, dass die Lernenden sich oft negativer einschätzen als ich es auch meiner Sicht machen würde. Wir benutzen dafür Ankreuzlisten zu unterschiedlichen Aussagen. Meine Aufgabe ist es in dieser Phase, die Potentiale der Schüler_innen sichtbar zu machen und ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie aufbauen können.

Dann beginnt die Identifizierung der Baustellen, die die Lernenden bearbeiten wollen. Das sollten nicht mehr als drei sein, weil mehr Veränderung  kein Mensch auf einmal bewältigen kann. Daraus werden Ziele formuliert, die erreicht werden wollen. Die Ziele sollten SMART sein, also Spezifisch (genau), Messbar, Akzeptabel, Realistisch und Terminierbar sein. Der häufig von Schüler_innen genannte Wunsch, „ich will mich in Mathe verbessern“, ist nicht spezifisch, weil viel zu ungenau ist, und er ist nicht messbar. Auch hier nehme ich eine beratende Haltung ein und versuche, die Ziele mit den Lernenden gemeinsam zu entwickeln.

Wir überprüfen die Ziele im Gespräch durch „zirkuläre Fragen„, indem wir schauen, was andere dazu sagen würden, wenn das Ziel erreicht wäre. „Was würde deine Mutter, deine Geschwister, dein Bauch dazu sagen, wenn du selbstbewusster geworden bist und dich um Unterricht trauen würdest, etwas zu sagen?“ Manchmal bringen diese Sichtweisen starke Emotionen hoch, heute brach eine Schülerin in Tränen aus, als sie sich vorstellte, sie und ihre Mutter könnte ganz stolz auf sie sein.

Ziele können natürlich nicht „in einem Rutsch“ erreicht werden, deshalb ist es wichtig, den ersten Schritt herauszufinden. Dabei helfen Skalierungen weiter: „Stelle dir eine Skala von 1 – 10 vor und markiere die Stelle, wo du heute in Bezug auf deine Frage stehst. Wo willst du in einem halben Jahr sein? Was wäre der erste Schritt in diese Richtung?“

Leider reicht die Zeit für eine Auswirkungsüberprüfung nicht mehr aus: „Was wäre das für ein Gefühl, wenn du dein Ziel erreicht hast?“

Am Ende des Lernentwicklungsgespräches fasse ich das besprochene noch einmal zusammen. Auf einem Formblatt sind die Besprechungspunkte festgehalten. Alle Beteiligten unterschreiben, Schüler_innen, Eltern, Lehrer_innen.

Ich empfinde die Lernentwicklungsgespräche als ein Highlight im Schuljahr. Selten gibt es intensivere Momente, in denen man die Entwicklung von jungen Menschen begleiten und unterstützen kann. Die wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung öffnet die Lernenden Schritt für Schritt. Es ist dann schön zu merken, wie sich Entwicklung und Veränderung dann von selbst entwickelt. Eine fordernde Haltung („die Schüler sollen…“) ist wenig hilfreich für die Entwicklung einer positiven Lernkultur.

Persönlichkeitsentwicklung kommt in der Schule zu kurz?

In seiner Studie fordert der Aktionsrat Bildung, nach den fachlichen Verbesserungen durch die PISA-Tests die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler nicht zu vernachlässigen.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article140536003/Was-deutsche-Schulen-den-Kindern-nicht-beibringen.html

Diesen Artikel habe ich gestern auf der Fahrt zwischen zwei Besuchen meiner Schüler im Betriebspraktikum des Jahrganges 12 gelesen. Mir wurde dabei bewusst, wie wichtig diese Gespräche mit SchülerInnen außerhalb der Schule für ihre Persönlichkeitsentwicklung ist. Ich habe an einem Tag fünf intensive 30-45minütige Gespräche mit meinen Schülern geführt, wie sie intensiver und unterschiedlicher kaum sein könnten. Es ging nicht um fachliches Lernen, um Noten, worum sich die Gespräche in der Schule oft drehen. Es ging um Lebensperspektiven, um Hoffnungen und Ängste, um Ermutigung und Chancen.

Wie hilfreich waren die Menschen, die die Schüler im Praktikum in den Betrieben betreuen. Es gab viel Lob für die jungen Leute, aber auch viel Lebenserfahrung, die weitergegeben wurde. Für mich als Lehrer gab es viele Einblicke in unterschiedliche Berufe und ein update darüber, was Betriebe eigentlich von der Schule erwarten. Und es gab einen ganz neuen Blick auf meine SchülerInnen.

Ich halte diese Gespräche auch in der Oberstufe für sehr wichtig. Ich würde mir wünschen, dass sie von der Schulleitung auch unterstützt werden und nicht zur Privatangelegenheit der Lehrer erklärt werden. Auch 18jährige Oberstufenschüler sind noch nicht fertig und brauchen noch viel Unterstützung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das kann der fachlich fragmentierte Unterrichtsalltag an der Schule oft nicht leisten, da deckt sich die Forderung der Schule mit meinen Beobachtungen.

Um so wichtiger sind solche Gespräche im Betriebs- oder Sozialpraktikum. Außerhalb der schulischen Konstellation können Gespräche auf Augenhöhe geführt werden, die oft richtungsweisend sein können.

Aus diesem Grunde halte ich ein Praktikum, egal ob berufs- oder sozial-orientierend in der Oberstufe für sehr wichig und persönlichkeitsbildend. Und die Betreuung durch die LehrerInnen ist ebenso wichtig, weil sie persönlichkeitsbildende Impulse setzen kann.

Rückmeldeformate

Auf dem letzten edchat.de wurde über Rückmeldeformate diskutiert. Ich stelle jetzt wie versprochen von mir erstellte Rückmeldebögen zur Verfügung. Ich hoffe, dass inspirieren und anregen. Über eine Rückmeldung wäre ich natürlich sehr dankbar.

Rück Grafikerstellung KompRast mündliche Beiträge KR Selbststeuerung GES Rückmeldung Kartenerstellung Rückmeldung Podiumsdiskussion Rück Raumanalyse Plattentektonik Rück FachtexteGeo Stellungnehmen Checkliste Bewertung_PGW Rück Forschungsarbeit Geo11 Rück Semesterprojekt 3 Vers.3 Rückmeldung AnalysfähigkeitFeedback PGW PGW Kompetenzen

OER – Open Education Ressources: Haben wir in der Schule darauf gewartet?

OER – Ein neues faszinierendes Kürzel für gemeinschaftlich erstellte, offene Lerninhalte. Kein Herumschlagen mehr mit Urheberrechtsverletzungen, freie Weiterverarbeitung in Arbeitsblättern und Lernplattformen, ein Wikipedia für die Schule. Haben wir in der Schule darauf gewartet?

Das digitale Lernen bietet viele neue Möglichkeiten und Chancen. Schulbücher scheinen bei den SchülerInnen „out“ zu sein, uncool und fremdgesteuert („Hausaufgabe ist das Rechnen der Blöcke 4a-f auf Seite 164 im Mathebuch“). Die OER Diskussion umfasst den Diskurs darüber, wie wir mit Inhalten in der digitalen Lernwelt umgehen. Und dieser Diskurs kann spannend sein. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Diskussion über OER haußtsächlich ausserhalb der Schule geführt wird.

Trotzdem frage ich mich, ob das das zentrale Problem in der Schule ist, das Problem von LehrerInnen und SchülerInnen. Es mangelt den Schulen ja nicht an Inhalten. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Bedeutung von Inhalten in der Schule viel zu schwer wiegt und der Prozess, das „WIE“ des Lernens, zu sehr im Hintergrund liegt. Gymnasiasten werden durch das G8 gejagt, Inhalte und „Stoff“ muss „durchgenommen“ werden, Lehrpläne abgearbeitet, und in der Oberstufe wundert man sich dann, was die SchülerInnen alles nicht können.

Kann dieses Problem durch OER gelöst werden?

OER hat nur eine Chance, wenn es das „WIE“ des Lernens, die Lernkultur, mit verhandelt. Es kann bei OER nicht nur um die digitalte Bereitstellung von Inhalten gehen, sondern OER muss auch eine Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen. Diese Lernkultur müsste folgende Eckpunkte haben:

* Potentialentwicklung: Von dem Können der Lernenden ausgehend und bestärkend
* Kooperativ und kollaborativ: Lernen ist eine soziale Angelegenheit und in der Gemeinschaft nachhaltiger
* Autonome Lernformen: Eine Lernkultur unterstützt die Bedürfnisse der Lernenden nach Autonomie
* Produktorientiert: Durch das Lernen und den Lernprozess entstehen schöne Produkte
* Erfahrungen: Lernen ist mehr als nur Wissen anhäufen. Erfahrungen machen ist ein wichter Faktor für erfolgreiches Lernen
* Rückmeldung und Begleitung: Lernen braucht Begleitung durch Experten (in der Schule die LehrerInnen). Die Rückmeldung zum Lernprozess darf sich nicht nur auf das Wissen (Noten) beziehen. Sie soll eine Beschämung der Lernenden vermeiden.

Wenn OER in der Schule eine Chance haben soll, dann müssen die LehrerInnen mit ins Boot geholt werden. Es muss deutlich werden, wie OER die Gestaltung von Lernsituationen von LehrerInnen erleichtert. Sonst sind die anderen Aufgaben in der Schule, die in den letzten Jahren dort hineingetragen wurden, wie

* Inklusion
* Übernahme von Erziehungsaufgaben von der Familie
* Ganztagsschule
* hoher Leistungsdruck auf SchülerInnen

nicht zu bewältigen.

„Ich bin superwichtig“? wirklich?

http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

Der Lehrer – und die Lehrerin – sind die entscheidenden Faktoren für ein erfolgreiches Lernen, lese ich in dem ZEIT-Artikel über den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie. Internetbasiertes Lernen schadet nichts – bringt aber auch nichts. Nun habe ich in letzter Zeit versucht, mich als zentralen Akteur des Unterrichts zurückzunehmen und versucht, den SchülerInnen Raum und Hilfen für das selbstständige Lernen an die Hand zu geben. Und dazu habe ich auch noch die Tools des Web 2.0 benutzt.

Alles falsch gemacht? Bei näherer Überlegung sehe ich aber gar nicht mehr so viele Widersprüche zu den empirischen Erkenntnissen aus den Studien von Hattie. Zwar hat Hattie ein Ranking zur Wirksamkeit von Lernmethoden aufgestellt, aber entscheidend bleibt doch der sinnvolle Methoden-Mix. Und da hilft die Bewertung von Hattie wirklich weiter. Die für die Lerngruppe sinnvolle Auswahl von Lernmethoden und die individuelle Anpassung an die einzelnen Schüler verlangt die Kunst des Lehrers und der Lehrerin. Und hier hat der Satz aus dem ZEIT-Artikel seine Richtigkeit: „Auf den guten Lehrer kommt es an“. Die geschickte Kombination aus verschiedenen Zugängen zum Lernen inszeniert die Lehrperson. Sie bietet ein breites Repertoir an Lernmöglichkeiten an. Sie gibt Feedback und bestärkt und lobt bei den Lernfortschritten. Und sie weiß um die Wirksamkeit von den Lernmethoden. In diesem Sinne muss der Lehrer „gut sein“.

Was an unseren Schulen wirklich fehlt, ist die offene Diskussion der Qualität von Unterricht und Lernsituationen. Die meiste Zeit wird über Inhalte gesprochen – und was die Schüler nicht gelernt haben. Fast nie wird über die Qualität von Unterrichtsarrangements und Lehrerhandeln gesprochen. Jeder steht allein in der Klasse. Kollegiale Hospitationen scheinen bei dem eng getackteten Stundenplan kaum möglich. Und wir haben kaum Instrumente, unser eigenes Handeln zu reflektieren und auszuwerten.

Hier sehe ich die große Chance: Lasst uns über Qualität des Lernens an der Schule sprechen. Welche Dinge befördern das Lernen, welche behindern sie? Wie können wir unser eigenes Handeln verbessern, wie können wir als Organisation besser werden? Woran können wir erkennen, ob wir gut sind und wo wir uns verbessert haben?

»Ein guter Lehrer sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler«, sagt Hattie.

Lernentwicklungsgespräche

Zwei Tage lang Lernentwicklungsgepräche (LEGs). Zwei Tage lang je 30 Minuten mit einem Schüler oder einer Schülerin über die Lernentwicklung sprechen. Nicht viel im Vergleich zu der Zeit, die wir sonst in der Schule verbringen. Aber trotzdem eine wertvolle Zeit, in der wir und mit dem einzelnen Menschen beschäftigen. Eine Zeit, in der über die Erfolge und Perspektiven gesprochen werden kann.

Lernentwicklungsgespräche sind keine „gut dass wir darüber gesprochen haben“ – Gespräche, sondern strukturierter Austausch über Erfolge und Gelungenes, über Leistungen und auch Niederlagen, über Gefühle und Sicherheiten, über Perspektiven und Anschlüsse. Sie münden immer in Vereinbarungen, die schriftlich festgehalten werden. Es nehmen auch die Eltern verpflichtend an den LEGs teil, aber der Focus bilden die Lernenden.

Ausgangspunkt eines LEGs sind die Potentiale und die Stärken der SchülerInnen, denn sie sind die Basis für alles was kommt. Klagen über fehlende Hausaufgaben oder mangelnde Motivation der jungen Leute in Richtung Eltern haben auf den LEGs keinen Platz. Auch die emotionale Seite des Lernens ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Gespräch: „Fühlst du dich in der Klasse wohl?“; „Lernst du gerne?“; „Hast du Freundinnen in der Klasse, mit denen du zusammen Lernen kannst?“ usw.

Dann sind die persönlichen Ziele ein wichtiges Gesprächsthema. „Was möchtest du erreichen?“; „Kannst du diese Ziele mit deinen Leistungen schaffen?“ Hier muss man sich natürlich auch mal die Noten anschauen.

Wichtig ist mir die Haltung, in der ich die Lernentwicklungsgespräche führe. Ich gehe in die Rolle des Fragenden, der es ermöglicht, dass die jungen Leute Erkenntnisse über ihre Ziele und Wünsche und auch über mögliche Wege dorthin erhalten. Durch Nachfragen kann ich die Möglichkeiten gut herausarbeiten und helfen, die Gedanken der Lernenden zu strukturieren. Aussagen wie „du musst…“ oder „du sollst…“ vermeide ich. Bei der Formulierung von Fragen hat mir das Buch von Carmen Kindl-Beilfuß: Fragen können wie Küsse schmecken“ sehr geholfen.

Foto am 20-11-2012 um 08.09

Die Lernentwicklungsgepräche werden immer mit der Formulierung von maximal drei Zielen beendet. Ziele sind erreichbar, überschaubar und überprüfbar. Sie sollten einen Erfolg ermöglichen, denn Erfolg ist der Treibstoff unseres Handlens. Viele SchülerInnen wünschen sich z.B. eine größere Beteiligung am Unterrichtsgespräch. Ich vereinbare dann mit ihnen ein über drei Woche laufendes Protokoll, in dem sie jeden Beitrag von ihnen im einem Symbol eintragen. Drei Einträge pro Tag können schon ein Erfolg sein. Nach drei Woche zeigt mir die/der SchülerIn das Protokoll und wir feiern gemeinsam das Erreichte.