Lernen in Projekten mit Projektkursen

Lernen in Projekten ist ja eigentlich ein alter pädagogischer Hut. Projektwochen sind seit Jahrzehnten im Jahreskalender fast aller Schulen zu finden. Projektwochen sind meist beliebt bei den Schüler_innen, weil dann der wöchentliche Rhythmus des lehrgangsmäßigen Lernens durchbrochen wird und kein Druck durch Noten, Tests oder Klausuren besteht.

Die Lehrenden sehen Projektwochen unterschiedlich, es gibt die Projektbegeisterten, aber auch die Kritischen, die Projektwochen als Mehrarbeit sehen und Projektzeit als Abzug ihrer Lehrzeit sehen, um das „Pensum“ zu schaffen.

Projekte bleiben trotz langer Erfahrungen eine Insel im pädagogischen Geschäft. An der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg, eine Gesamtschule mit Abitur am bürgerlichen Stadtrand, wird schon seit mehreren Jahren versucht, Projektlernen in das alltägliche, wöchentliche Stundenplankonzept zu integrieren. Wir sind davon überzeugt, dass das Projektlernen eine wichtige Säule für den Zugang zur Welt für junge Menschen darstellt. Neben dem lehrgangsmäßigen Lernen (Arbeitsblatt 1 – 5, Chapter 9-12) bietet das Projektlernen viele Vorteile:

  1. Das Lehrgangsmäßige Lernen benutzt eine systematische Erarbeitung eines Lerngegenstandes. Das Lernen im Projekt ist in seiner Systematik prozessorientiert. Der Ablauf steht nicht von vornherein fest und wird im Projekt laufend entwickelt. 
  2. Die systematische Erarbeitung im lehrgangsmäßigen Lernen wird in der Regel von der Lehrperson nach didaktischen Grundsätzen in Form von Aufgaben, Arbeitsplänen oder Stationen vorgelegt. Die Lernenden müssen diesen Lehrgang übernehmen, auch wenn sie einzelne Auswahlmöglichkeiten, meist hinsichtlich des Anforderungsgrades, haben. Im Projekt wird die Aufgabenstruktur gemeinsam zwischen Lehrenden und Lernenden entwickelt. 
  3. Die Ziele im lehrgangsmäßigen Lernen sind von außen, meist durch Bildungspläne, aber auch durch Fächer und Fach-Lehrende festgelegt. Kompetenzen sind genau beschrieben. Die Lernziele werden durch Lernüberprüfungen abgeprüft. Im projektorientierten Lernen sind die Ziele nicht genau definiert, sondern werden im Prozess des Projektes schrittweise definiert und auch geändert. Die Form der Zielüberprüfung ist offen. 
  4. Lehrgangsorientiertes Lernen hat eine eher lineare Struktur. Aufgaben bauen aufeinander auf, Kompetenzen werden Schritt für Schritt entwickelt. Im projektorientierten Lernen findet man eine eher konzentrische, zyklische Struktur, in der der Fortgang des Projektes immer wieder neu bestimmt und abgeklärt wird. 
  5. Im lehrgangsmäßigen Lernen zielt das Handeln eher auf einen kognitiven Gewinn, einen Kompetenzzuwachs, der messbar ist. In einem Projekt liegt das Ziel eher auf das Erreichen eines Produktes, eines Ergebnisses. Der Kompetenzzuwachs ist eine Art „Nebeneffekt“. Im Projekt spielt die Erfahrung eine größere Rolle als das Wissen. 

Was sind die Vorteile projektorientierten Lernens?

  1. Projektlernen ermöglicht mehr selbstgesteuertes Lernen. Eigene Entscheidungen der Lernenden sind nötig. Dadurch könnte sich mehr Kreativität entwickeln, aber auch eine Überforderung eintreten. 
  2. Projektlernen ermöglicht selbstbestimmteres Lernen. Das Gefühl eines entfremdeten Lernens kann geringer sein. 
  3. Projektlernen ermöglicht einen größeren lebensweltlichen Bezug. Es werden in der Regel Produkte hergestellt, in denen sich die Ergebnisse des Lernens vergegenständlichen. Das ermöglicht eine größere Identifizierung der Lernenden mit dem Lernen. 
  4. Projektlernen hat einen starken Bezug zu Erfahrungen mit Prozessen. 
  5. Projektlernen kann einen stärkere emotionale Wirkung haben, was eine Verankerung des Gelernten und Erfahrenen im Gehirn begünstigt.

Seit mehreren Jahren werden an der Stadtteilschule Niendorf in den Jahrgängen 8 und 9 die Klassen nach „Profilklassen“ zusammengestellt, in denen ein gemeinsames Projekt im Vordergrund steht. Es gibt Profilklassen „Stage“, „Innendesign“, „Bewegung und Gesundheit“, „Music“, „Medien“, „Natur“ usw. Die Profilklassen arbeiten an einem Schultag 6 Unterrichtsstunden an ihrem Projekt. Dabei sind die Klassen auch aufgefordert, möglichst oft die Schule zu verlassen und außerschulische Lernorte zu besuchen.

Dieses Konzept der Profilklassen wird nun weiter entwickelt. An kommenden Schuljahr starten wir im Jahrgang 7 mit Projektkursen. Auf die schulorganisatorischen Gründe (Klassenlehrer_innen können ihre Klasse länger führen, Schulwechsler vom Gymnasium können leichter integriert werden, das Projektlernen wird um ein Jahr verlängert, Jg. 7-9) möchte ich hier nicht weiter eingehen. Das Setting, es wird einen Schultag lang sechs Unterrichtsstunden in einem Projekt gearbeitet, bleibt erhalten.

Mit der Einführung von Projektkursen kann das Projektlernen um ein Jahr ausgeweitet werden. Einen Tag in der Woche können die Schüler_innen 6 Unterrichtsstunden lang an einem Projekt arbeiten. Die Projekte werden aus mindestens zwei Fächern gebildet. Die Schüler_innen wählen für drei Jahre einen Projektkurs mit einem Schwerpunkt. Wir bieten künstlerische, gesellschaftliche, bewegungsorientierte, naturwissenschaftliche gesellschaftliche und   produktionsorientierte Projektkurse an.

Das Stundenkontingent stammt aus dem Bereich der Wahlpflichtkurse, die seit dreißig Jahren wichtiger Bestandteil der Gesamtschulen sind.

Die Ausbildungsordnung erlaubt leider noch nicht, im Zeugnis eine Projektnote auszuweisen. Die Benotung muss einem Fach zugeordnet sein, für das ein Bildungsplan existiert. Noten soll es auf jeden Fall geben, denn an der Schule hat (leider) nur das einen Wert, was auch benotet wird. Wenn wir das Projektlernen ernst nehmen wollen, muss auch eine Note ausgeben werden. Zu der Benotung werde ich noch einen weiteren Beitrag verfassen.

Im klassischen Verständnis sollte es auch einen Projektkurs „Medien“ geben. Ich glaube jedoch, dass (digitale) Medien kein Inhalt an sich sind, sondern ein Mittel der Weltaneignung, die an allen Inhalten angewendet werden können. Ich kann mir eher einen Projektkurs mit einem Inhalt vorstellen, der als Arbeitsmittel besonders digitale Medien benutzt.

Foto von pixabay.com
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