Eine Klasse digital beenden …

Nun sind sie weg, meine Schüler_innen der 13.Klasse. Noch ein gemeinsames Essen, den Klassenraum aufräumen, alles mitnehmen. Die meisten haben  jetzt schon Ihre Abitur Klausuren hinter sich. Da habe ich Zeit, die Auswertungsfragebögen durchzusehen und bin gespannt, welche Lernformen bei den Schüler_innen am besten angekommen sind.

Digital habe ich ja kontinuierlich mit einer Lernplattform (schulcommsy.de) und einem Wiki gearbeitet.

Im Wiki sind in den letzten zwei Jahren viele Seiten zu allen Themen des bildungsplanes Oberstufe in den Fächern PGW und Geografie zusammen gekommen. Die Einträge in das Wiki waren für die Schüler_innen verpflichtend, meist ein Teil der Arbeitspläne zu den einzelnen Themen. Alle Einträge wurden mit den Namen versehen, so dass sie zuortbar sind. Die Schüler_innen haben ihre Einträge nur additiv gemacht. Fast nie wurde auf schon bestehenden aufgebaut oder schon Geschriebenes ergänzt oder erweitert. Die kollaborative Logik eines Wikis wurde kaum genutzt. Das entspricht ja auch der traditionellen Logik der Schule: Schüler werden für ihren individuellen Beitrag bewertet. Aus in Unterrichtsgesprächen beobachte ich, wie schwer den Schüler_innen das Eingehen auf  Vorredner fällt.

Trotzdem ist in den Wikis eine beeindruckende Sammlung selbst erarbeiteten Wissens entstanden, auf das produktiv im Unterricht eingegangen werden konnte („ist der Beitrag von … verständlich für das Thema oder muss er ergänzt werden?“) In den  Schüler Auswertungen gehen die Meinungen zu Wiki sehr auseinander. Auf einer Skala von 1-10 ergeben sich auch Nennungen von 1-10. Obwohl ich in der Studienstufe seit zwei Jahren konsequent auch digitale Tools einsetze, ist die Akzeptanz der Schüler_innen geteilt. Die Hälfte setzt auf die eigenen Aufzeichnungen in ihrem Heft, „was man selbst hat, hat man“. Der kollaborative Geist, das Lernen als Gemeinschaftsprojekt, ist bei dieser Gruppe gering ausgeprägt, man verlässt sich lieber auf sich selbst. Die andere Hälfte nimmt das Digitale deutlich mehr an. Besonders die Zweigleisigkeit, digital und analog, wurde in der Umfrage befürwortet.

Die Organisation des Lernens über die Lernplattform wird mehrheitlich kritischer gesehen („Schulcommsy abschaffen“). Über die Lernplattform habe ich die Lernaufgaben gestellt, Materialien zur Verfügung gestellt, Termine verwaltet und Ankündigungen und Feedbacks gegeben. Sie hatte hauptsächlich organisatorischen Charakter. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Schule eine Kommunikationsplattform (iServ) hat, über die die schulischen Email, Vertretungsplan sowie Klausurenplan organisiert ist. Dadurch ist immer eine Doppelgleisigkeit der Anmeldung nötig. IServ ist als Lernplattform eher nicht geeignet und auch nicht dafür konzipiert. Ich weiß natürlich auch, dass viele Schulen froh wären, wenn sie wenigstens dieses hätten.

Trotzdem muss ich mir überlegen, die Funktionen der Lernplattform auch über iServ abzubilden. Vielleicht ist dann die Akzeptanz größer. IServ als Kommunikationsinstrument ist mitlerweile bei den Schüler_innen angenommen. Unangenehm für die Schüler_innen ist sicher auch der Effekt der Umkehrung der Verantwortung für das Lernen. Systemmeldungen Lücken („ich habe das Arbeitsblatt nicht bekommen“, „das wusste ich nicht“) können nicht mehr ausgenutzt werden, wenn alle Materialien zum Download zur Verfügung stehen und Informationen online vorhanden sein.

Der Weg zur digitalen Schule ist also noch weit. Ein Schulnetzwerk aus digital arbeitenden Lehrer_innen ist auch noch nicht in Sicht. Jeder probiert für sich selber vor sich hin. Ich sehe die Zukunft auch im friedlichen Miteinander digitaler und analoger Arbeitsweisen – das Beste aus beiden Welten.

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Ein Gedanke zu “Eine Klasse digital beenden …

  1. Mitunter nervt mich das System Schule ungemein an, so schwerfällig und ineffizient es an vielen Stellen ist. Dann denke ich, wie wäre das wohl wenn Schule ein Unternehmen wäre?
    Da gäbe es viele der Zustände in unseren Schulen nicht und wenn es sie gäbe, wären die betreffenden Schulen schon lange Geschichte, da sie im Wettbewerb nicht bestanden hätten.

    Der digitale Wandel vollzieht sich meist nur im Zeitlupentempo. Manche Schulen verweigern sich der Sache noch immer nahezu komplett. Wo Bereitschaft besteht, sich auf den Weg zu machen, fehlen die Ressourcen.

    In einer Firma in der freien Wirtschaft wäre es einfacher. Die Chefetage würde die Marschrichtung vorgeben und dann würde die Digitalisierung Schritt für Schritt auf jeder Ebene des Unternehmens umgesetzt. Die notwendige Qualifizierung der Mitarbeiter würde vorgenommen und zwar die Qualifizierung aller betroffener Mitarbeiter, auch derer, die fünf Jahre vor der Verrentung stehen, die Hardwareinfrastruktur würde aufgebaut, die Software eingerichtet und die Unternehmensabläufe würden nach und nach umgestellt. Wer als Mitarbeiter nicht bereit wäre, sich umzustellen, wäre nicht mehr tragbar und würde entlassen.

    An den Firmenbilanzen, an Umsatz und Gewinn ließe sich anschließend ablesen, wie erfolgreich die Umstellung war.

    In Schulen sieht viele anders aus. So werden Lehrkräfte nicht konsequent genug fortgebildet und der Einzelne kann sich an vielen Schulen leicht ausklinken. Die Digitalisierung wird nicht systemisch in den Unterricht der Fächer integriert und die Ausstattung ist häufig unzulänglich. Die Aufzählung ließe sich wohl noch endlos fortsetzen. Aber das soll mal reichen.

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