Klassengespräche mit backchannel

Welche Lehrende kennen es nicht: Klassengespräche finden nur mit einer Handvoll SchülerInnen statt. Diese engagieren sich interessiert und eifrig, sie wollen sich mitteilen und gehört werden. Ein anderer Teil der Klasse verhält sich passiv, hört zu, meist auch interessiert, aber zu schüchtern, sich selber zu beteiligen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen und sich damit bloßzustellen, ist zu groß. Alle Versuche, durch gutes Zureden die Schweigsamen in die Aktivität zu bringen, sindbei mir eher gescheitert.

Ausgewählte Klassengespräche gehen in die Bewertung des Lernprozesses mit ein. Das sind meist die Gespräche, die ein Thema zusammenfassen und das Gelernte noch einmal durchdiskutieren. Ich bewerte diese Gespräche mit einem speziellen Kompetenzraster, das ich hier im Blog schon einmal vorgestellt habe; bitte unten nachschauen.

Nun versuche ich, die Inaktiven über einen backchannel an der Diskussion zu beteiligen. Todaysmeet.com ist eine Backchannel-Seite, auf der man mit dem Smartphone oder einem anderen internetfähigen Gerät Kurzbeiträge zu einer Diskussion beitragen kann. Die Beiträge erscheinen auf einer chronologischen timeline, die ich per Beamer an die Wand werfe, so dass sie jedeR mitverfolgen kann. Die Nutzung des Smartphones ist in diesen Diskussionen ausdrücklich erlaubt.

Zuletzt habe ich todaysmeet.com in einer Diskussion um die Kernspaltung eingesetzt. Nach anfänglich ungläubigen Reaktionen der Schüler („dürfen wir wirklich das Smartphone benutzten?“) hat sich etwa die Hälfte der Klasse auch über den backchannel an der Diskussion beteiligt. Es ist auch für SchülerInnen, die nicht „dran“ sind, möglich sich sofort zu beteiligen. Auch als Lehrer gebe ich mehr und mehr meine Gesprächsimpulse über todaysmeet.com: Ich werfe neue Stichworte in die Runde oder fordere die SchülerInnen auf, sich zu bestimmten Aspekten des Themas noch genauer zu äußern. In dieser Konstellation kann ich die Gesprächsleitung an die Schüler abgeben, und die Diskussion kann selbstgesteuert ablaufen.

Den backchannel kann jeder aufrufen, der die URL hat: Ich gebe der Diskussion einen Namen. Bei der Eröffnung des Diskussion kann ich entscheiden, wie lange sie sichtbar bleibt. Sie kann auch sofort nach der Diskussion wieder gelöscht werden. Für ein Nachlesen der Diskussion ist eine „Standzeit“ von einer Woche sicher sinnvoll.

Ich finde den backchannel eine sinnvolle und kreative Ergänzung für Klassendiskussionen. Sie gibt den „stillen“ Schülern eine Stimme und die Chance, sich auch an einer Diskussion zu beteiligen. Probiert es aus.

Eine Klasse digital beenden …

Nun sind sie weg, meine Schüler_innen der 13.Klasse. Noch ein gemeinsames Essen, den Klassenraum aufräumen, alles mitnehmen. Die meisten haben  jetzt schon Ihre Abitur Klausuren hinter sich. Da habe ich Zeit, die Auswertungsfragebögen durchzusehen und bin gespannt, welche Lernformen bei den Schüler_innen am besten angekommen sind.

Digital habe ich ja kontinuierlich mit einer Lernplattform (schulcommsy.de) und einem Wiki gearbeitet.

Im Wiki sind in den letzten zwei Jahren viele Seiten zu allen Themen des bildungsplanes Oberstufe in den Fächern PGW und Geografie zusammen gekommen. Die Einträge in das Wiki waren für die Schüler_innen verpflichtend, meist ein Teil der Arbeitspläne zu den einzelnen Themen. Alle Einträge wurden mit den Namen versehen, so dass sie zuortbar sind. Die Schüler_innen haben ihre Einträge nur additiv gemacht. Fast nie wurde auf schon bestehenden aufgebaut oder schon Geschriebenes ergänzt oder erweitert. Die kollaborative Logik eines Wikis wurde kaum genutzt. Das entspricht ja auch der traditionellen Logik der Schule: Schüler werden für ihren individuellen Beitrag bewertet. Aus in Unterrichtsgesprächen beobachte ich, wie schwer den Schüler_innen das Eingehen auf  Vorredner fällt.

Trotzdem ist in den Wikis eine beeindruckende Sammlung selbst erarbeiteten Wissens entstanden, auf das produktiv im Unterricht eingegangen werden konnte („ist der Beitrag von … verständlich für das Thema oder muss er ergänzt werden?“) In den  Schüler Auswertungen gehen die Meinungen zu Wiki sehr auseinander. Auf einer Skala von 1-10 ergeben sich auch Nennungen von 1-10. Obwohl ich in der Studienstufe seit zwei Jahren konsequent auch digitale Tools einsetze, ist die Akzeptanz der Schüler_innen geteilt. Die Hälfte setzt auf die eigenen Aufzeichnungen in ihrem Heft, „was man selbst hat, hat man“. Der kollaborative Geist, das Lernen als Gemeinschaftsprojekt, ist bei dieser Gruppe gering ausgeprägt, man verlässt sich lieber auf sich selbst. Die andere Hälfte nimmt das Digitale deutlich mehr an. Besonders die Zweigleisigkeit, digital und analog, wurde in der Umfrage befürwortet.

Die Organisation des Lernens über die Lernplattform wird mehrheitlich kritischer gesehen („Schulcommsy abschaffen“). Über die Lernplattform habe ich die Lernaufgaben gestellt, Materialien zur Verfügung gestellt, Termine verwaltet und Ankündigungen und Feedbacks gegeben. Sie hatte hauptsächlich organisatorischen Charakter. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Schule eine Kommunikationsplattform (iServ) hat, über die die schulischen Email, Vertretungsplan sowie Klausurenplan organisiert ist. Dadurch ist immer eine Doppelgleisigkeit der Anmeldung nötig. IServ ist als Lernplattform eher nicht geeignet und auch nicht dafür konzipiert. Ich weiß natürlich auch, dass viele Schulen froh wären, wenn sie wenigstens dieses hätten.

Trotzdem muss ich mir überlegen, die Funktionen der Lernplattform auch über iServ abzubilden. Vielleicht ist dann die Akzeptanz größer. IServ als Kommunikationsinstrument ist mitlerweile bei den Schüler_innen angenommen. Unangenehm für die Schüler_innen ist sicher auch der Effekt der Umkehrung der Verantwortung für das Lernen. Systemmeldungen Lücken („ich habe das Arbeitsblatt nicht bekommen“, „das wusste ich nicht“) können nicht mehr ausgenutzt werden, wenn alle Materialien zum Download zur Verfügung stehen und Informationen online vorhanden sein.

Der Weg zur digitalen Schule ist also noch weit. Ein Schulnetzwerk aus digital arbeitenden Lehrer_innen ist auch noch nicht in Sicht. Jeder probiert für sich selber vor sich hin. Ich sehe die Zukunft auch im friedlichen Miteinander digitaler und analoger Arbeitsweisen – das Beste aus beiden Welten.