Strukturiert diskutieren mit dem etherpad

Eine Diskussion in der Schulklasse strukturiert durchzuführen, ist eine große Aufgabe für die Schüler wie auch für einen moderierenden Lehrer. Ich habe in der letzten Woche ausprobiert, die Diskussion visuell mit etherpad.org zu strukturieren.

Etherpad ist eine open source app, mit der verschiedene Nutzer gleichzeitig auf einem gemeinsamen pad schreiben können. Die Beiträge der verschiedenen Autoren wird mit unterschiedlichen Farben kenntlich gemacht.

Ich habe mit meiner Klasse die schwierige Diskussion, ob Integration in Deutschland gelingen kann oder gescheitert ist, begonnen – eine kontroverse und vielschichtige Diskussion. Vorangegangen war ein Besuch in Berlin Kreuzberg und Neu Kölln und eine Beschäftigung mit Gentrifizierung und Segregation.

Ich habe ein Etherpad vorbereitet: Ich konnte Fragen und Überschriften vorher setzen und über den Klassenbeamer das Etherpad für alle sichtbar machen. Die Schüler hatten zu zweit einen Laptop. Jeder Diskussionsbeitrag sollte kurz anschließend ins Etherpad eingetragen werden.

Die Diskussion war natürlich am Anfang viel langsamer als gewohnt, weil alle sich erst einmal mit der Technik des Diskutieren, Schreibens und Lesens vertraut machen mussten. Aber der Vorteil wurde schnell deutlich: Die vorgetragenen Argumente konnten nachgelesen werden. So war es den Schülern viel leichter möglich, auf die vorher genannten Argumente einzugehen. Auch wurde diskutiert, ob der Beitrag an der eingetragenen Stelle wirklich passt und logisch richtig ist, oder ob er nicht an einen anderen Ort verschoben werden sollte.

Durch die visuelle Protokollierung konnte sich die Diskussion sehr strukturiert entwickeln. Es wurde den Schülern zum ersten Mal möglich, wirklich Argumentationsketten zu erstellen. Auch stillere Schüler konnten ohne eine mündliche Äußerung einen Beitrag leisten, eben über die Tastatur auf das Etherpad. So konnten auch diejenigen, die sonst nie oder selten trauen, ihren Beitrag schriftlich leisten.

Am Schluss der Diskussion hatten wir alle ein Protokoll der Diskussion und konnten die Argumentation noch einmal Revue passieren lassen. Wir konnten analysieren, wo die Diskussion ihre Stärken und Schwächen hatte.

Ich werden jetzt bei Diskussionen öfter ein Ehterpad einsetzen. Die Möglichkeiten zur vorherigen Strukturierung einer Diskussion und die parallele Protokollierung der Argumente ist schon eine deutliche Erweiterung der Diskussionskultur. Am Anfang braucht es sicher etwas mehr Zeit, der Mehrwert in einem Diskussionsprotokoll und einer leichteren Strukurierung sind es wert.

Brauchen wir eine digitale Didaktik?

Das Digitale sind ja erst einmal nur Geräte, die die Möglichkeiten der Kommunikation erweitern und den Zugang zu Informationen vergrößern.

Einen Didaktik sollte sich weniger aus den Gerätschaften, sondern mehr aus einem Menschenbild und den Vorstellungen, wie wir Menschen lernen, ergeben.

Trotzdem werden die Möglichkeiten des Internets die Kommunikation und die Informationsbeschaffung verändern. Deshalb sollten unsere „analogen“ Didaktiken ergänzt und erweitert werden, genauso wie unser alltägliches Leben durch die digitalen Möglichkeiten erweitert wird.

Nur eines scheint mir klar: Das Internet ist fakt, ist nicht wegzudiskutieren. Deshalb ist die Ausklammerung des Internets aus der Schule, wie es häufig noch der Fall ist, wenig hilfreich und an der Realität vorbei. Die Frage ist eher, wie man mit der Realität des Internets sinnvoll umgeht. Wie alle Innovationen hat auch das Internet positve Möglichkeiten wie auch Gefahren. Und eine um das digitale erweiterte Didaktik sollte die positiven Möglichkeiten aufgreifen. Man wird ja auch nicht den Buchdruck verteufeln, auch wenn mir dieser Technologie „Mein Kampf“ gedruckt wurde, und keiner wird heute auf die Satelitenbilder in der Wettervorhersage verzichten wollen, auch wenn die Raketentechnologie für militärische Zwecke genutzt werden kann.

Auch im digitalen Lernen gehe ich von der konstruktivistischen Sichtweise davon aus, dass sich alle Menschen ein Bild von der Wirklichkeit in ihrem Bewusstsein konstruieren. Diese individuelle Sichtweise wurde schon vor dem digitalen Zeitalter entwickelt und hat zur Folge, dass Lernende (also wir alle) möglichst vielfältige Informations- und Verarbeitungsmöglichkeiten nutzen sollten, die möglichst ihren Potentialen entsprechen. Auch Schulbücher versuchen heutzutage differenzierte Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen. Das Internet erweitert diese Möglichkeiten noch einmal deutlich.

Die Verfügbarkeit des Wissens beschränkt sich heute nicht mehr auf ein Lehrbuch und einen Brockhaus und der Worte des Lehrers, sondern das Wissen ist potentiell immer im Internet vorhanden. Die neue Herausforderung an eine Didaktik wird sein, dass das Internetwissen nicht immer in einer günstig didaktisierten Form vorliegt. Hier werden also weiter Lehrende gebraucht, die selber Material didaktisieren oder den Lernenden dabei hilft, Internetwissen sinnvoll für ihre Lernbedürfnisse aufzubereiten. Dabei spielen kollektive Lernprozesse eine wichtige Rolle. Diese sind auch keine Erfindung des Digitalen, bekommen aber durch die Informationsfülle des Internets einen neue Bedeutung und müssen in einer digitalen Didaktik eine besondere Rolle spielen. Das Internet bietet eine Fülle von Möglichkeiten, kollektiv Lernergebnisse zu erarbeiten: Wikis, Blogs, Etherpads usw.

Internet basiertes Lernen ermöglicht neue Wege im individualisierten Lernen. Es können verschiedene Wege genommen werden, und dank interaktiver Tools können die Ergebnisse zusammenfügt und verglichen werden. Wie das gehen kann, sollte in einer digitalen Didaktik beschrieben werden. Portfolios und Lerntagebücher sind keine Erfindung der digitalen Welt, ermöglichen jedoch kreativere Gestaltungen.

Mit digitalen Tools können leichter den je eigene Lernprodukte hergestellt und veröffentlicht werden. Das ermöglicht ganz neue Perspektiven, wenn Lernende eigene Produkte vorstellen und teilen können und Lehrende eigene Lernmaterialien – ev. auf Basis anderer OER-Materialien – herstellen.

Das selbstständige Lernen hat neue Perspektiven mit digitalen Tools. Wenn man die Lernorganisation über digitale Lernplattformen durchführt, dreht sich die Verantwortung für das Lernen um: Vom Lehrenden zum Lernenden. Nicht mehr der Lehrende ist dafür verantwortlich, dass der Lernende die Aufgaben „bekommt“, sondern der Lernende holt sich die Aufgaben bei der Lernplattform ab. Es ist also ein Wechsel vom passiven „Bekommen“ zum aktiven „Holen“. Das trifft bei traditionell schulsozialisierten Schülern nicht immer auf Gegenliebe. Die Nieschen und Lücken, die ein traditioneller Schulbetrieb bietet fallen weg. Ein aktiver Lernpart bei den Schülern kann für sie durchaus anstrengender sein.

Fazit: Die digitalen Möglichkeiten müssen bestehende Didaktiken ausdifferenzieren und ergänzen. Sie erweitern die Möglichkeiten, ohne die Grundprinzipien des Lernens komplett auf den Kopf zu stellen. Deshalb hat das digitale Lernen keinen Selbstzweck, es ist auch nicht „moderner“. Ich glaube jedoch, dass es die Möglichkeiten deutlich erweitert.