OER – Open Education Ressources: Haben wir in der Schule darauf gewartet?

OER – Ein neues faszinierendes Kürzel für gemeinschaftlich erstellte, offene Lerninhalte. Kein Herumschlagen mehr mit Urheberrechtsverletzungen, freie Weiterverarbeitung in Arbeitsblättern und Lernplattformen, ein Wikipedia für die Schule. Haben wir in der Schule darauf gewartet?

Das digitale Lernen bietet viele neue Möglichkeiten und Chancen. Schulbücher scheinen bei den SchülerInnen „out“ zu sein, uncool und fremdgesteuert („Hausaufgabe ist das Rechnen der Blöcke 4a-f auf Seite 164 im Mathebuch“). Die OER Diskussion umfasst den Diskurs darüber, wie wir mit Inhalten in der digitalen Lernwelt umgehen. Und dieser Diskurs kann spannend sein. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Diskussion über OER haußtsächlich ausserhalb der Schule geführt wird.

Trotzdem frage ich mich, ob das das zentrale Problem in der Schule ist, das Problem von LehrerInnen und SchülerInnen. Es mangelt den Schulen ja nicht an Inhalten. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Bedeutung von Inhalten in der Schule viel zu schwer wiegt und der Prozess, das „WIE“ des Lernens, zu sehr im Hintergrund liegt. Gymnasiasten werden durch das G8 gejagt, Inhalte und „Stoff“ muss „durchgenommen“ werden, Lehrpläne abgearbeitet, und in der Oberstufe wundert man sich dann, was die SchülerInnen alles nicht können.

Kann dieses Problem durch OER gelöst werden?

OER hat nur eine Chance, wenn es das „WIE“ des Lernens, die Lernkultur, mit verhandelt. Es kann bei OER nicht nur um die digitalte Bereitstellung von Inhalten gehen, sondern OER muss auch eine Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen. Diese Lernkultur müsste folgende Eckpunkte haben:

* Potentialentwicklung: Von dem Können der Lernenden ausgehend und bestärkend
* Kooperativ und kollaborativ: Lernen ist eine soziale Angelegenheit und in der Gemeinschaft nachhaltiger
* Autonome Lernformen: Eine Lernkultur unterstützt die Bedürfnisse der Lernenden nach Autonomie
* Produktorientiert: Durch das Lernen und den Lernprozess entstehen schöne Produkte
* Erfahrungen: Lernen ist mehr als nur Wissen anhäufen. Erfahrungen machen ist ein wichter Faktor für erfolgreiches Lernen
* Rückmeldung und Begleitung: Lernen braucht Begleitung durch Experten (in der Schule die LehrerInnen). Die Rückmeldung zum Lernprozess darf sich nicht nur auf das Wissen (Noten) beziehen. Sie soll eine Beschämung der Lernenden vermeiden.

Wenn OER in der Schule eine Chance haben soll, dann müssen die LehrerInnen mit ins Boot geholt werden. Es muss deutlich werden, wie OER die Gestaltung von Lernsituationen von LehrerInnen erleichtert. Sonst sind die anderen Aufgaben in der Schule, die in den letzten Jahren dort hineingetragen wurden, wie

* Inklusion
* Übernahme von Erziehungsaufgaben von der Familie
* Ganztagsschule
* hoher Leistungsdruck auf SchülerInnen

nicht zu bewältigen.

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Kess Studie 13 in Hamburg

In Hamburg wurde in der letzten Woche die Kess-Studie für den Jahrgang 13 veröffentlicht. Kess bedeutet “ Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern. Diese Studie konnte zum ersten Mal die SchülerInnen testen, die an einer Stadtteilschule (und anderen Schulen ausßerhalb des G8-Gymnasiums) Abitur gemacht haben, untersuchen. Verglichen wurden diese Daten mit einer „Lernausgangslagen-Untersuchung“ (LAU) von 2007 und konnte damit eine Entwicklung feststellen.

Mir scheinen drei Aspekte dieser Untersuchung wichtig:

1. Die Zahl der Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern konnte deutlich gesteigert werden. Damit leistet das Abitur in 13 Jahren an einer Stadtteilschule einen großen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

2. Die Kompetenzen der Schüler an den Stadtteilschulen liegt deutlich hinter denen an den Gymnasien. Dieser Unterschied relativiert sich, wenn man den sozialen Hintergrund herausrechnet, bleibt aber deutlich erkennbar. Dieser Befund ist wenig überraschend und gibt damit eine Zukunftsaufgabe für die Stadtteilschule vor.

3. Der Lernzuwachs der Kess 13 SchülerInnen an der Oberstufe Jg. 11-13 ist besonders hoch. Er konnte jedoch die Lücken aus der Sekundarstufe I nicht schließen. Besonders in Mathematik sind die Unterschiede zu Gymnasiasten deutlich.

Es wird jetzt Kritik laut, dass Abitur sei durch die Ausweitung der Abiturientenzahlen „weniger wert“, die Bedeutung des Abiturs würde „verwässert“, wenn 50% eines Jahrganges Abitur machen.

Aber ist das nicht gerade ein Erfolg in Richtung Chancengerechtigkeit, wo wir doch in Deutschland noch so viel aufzuholen haben?

studie-kess-13