Haben Noten eine Zukunft?

Seit ich mich mit individualisiertem Lernen beschäftige, frage ich mich, wie weit das tägliche Ranking in der Klasse eigentlich noch lernförderlich ist. Jeden Tag vergeben wir Lehrer hunderte von Noten für Mitarbeit, Hausaufgaben, Tests, Qualität der Beiträge und natürlich für Klassenarbeiten und Klausuren. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre selbst diesem Dauerbombardement von täglicher Bewertung ausgesetzt, wird mir schlecht.

Aber Noten sind tief in der Gesellschaft verankert. Alle Menschen haben in ihrem Leben tausende von Noten bekommen, und diese Bewertung prägt vielleicht so manche Lebensrichtung. Deshalb fordern viele Eltern Noten für ihre Kinder ein. Aber vielleicht auch, weil es wenig Wissen über Alternativen gibt. Und weil es immer noch eine Hauptaufgabe der Schule ist, Lebenschancen und Berechtigungen zu verteilen. Die Berechtigung gewisse Berufe zu ergreifen, Fachschulen oder Universitäten zu besuchen. Und dass, obwohl eigentlich unstrittig ist, dass Noten kaum Fähigkeiten und Kompetenzen ausdrücken.

Ich frage mich, ob schlechte Noten wirklich lernförderlich sind. Ist der tägliche Versuch, „gerechte“ Noten in einer Klasse zu verteilen, nicht eine Scheingerechtigkeit; laufen sie dem Prinzip der Individualisierung, und damit der Akzeptanz des Ungleichzeitigen, nicht zuwider?

Meine Versuche, ein handhabbares System zur Erfassung von erreichten Kompetenzen in einer Schülergruppe zu entwickeln und dieses dann in Noten (Ziffern) auszudrücken, machen mir immer mehr deutlich, wie umöglich es ist, individuelle Lernleistungen in den Noten 1-6 auszudrücken.

Wenn wir wirklich eine Veränderung der Lernkultur erreichen wollen, dann ist es nur mit einer grundlegenden Reform der Feedbackkultur an Schule möglich. Ich sehe alle Versuche, Noten durch ergänzende Informationen anzureichern (Kommentare, Berichtszeugnisse usw.) für nicht geeignet. Wenn wir wirklich einen Paradigmenwechsel in der Lernkultur erreichen wollen, kommen wir um die Abschaffung der Noten nicht herum

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2 Gedanken zu “Haben Noten eine Zukunft?

  1. Wenn wir wirklich eine neue Lernkultur etablieren wollen, dann sind die Noten nur noch hinderlich.

    Auf dem educamp in Köln Mitte März wurde diskutiert, dass sich das Lernen aus den Schulbüchern verabschiedet und zu einem individuellen, und trotzdem kollaborativen Prozess wird. Die Zugänge zu open-education Inhalten sollen neue Software-Lösungen ermöglichen.

    Dieser Idee steht aber die Kultur der Notengebung direkt entgegen: Diese Kultur geht davon aus, dass alle Schüler im Gleichschritt lernen und dass es eine objektive Vergleichbarkeit und damit auch Gerechtigkeit gibt. Diese Kultur ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Auch wenn die Vergleichbarkeit und Gerechtigkeit schon vielfach widerlegt wurde, hält sich diese Kultur nachhaltig.

    Ich behaupte, solange sich diese Kultur der linearen Bewertung hält, wird die Einführung einer individuellen, an Internetressourcen orientierten Lernkultur scheitern oder zumindest sich sehr schwer tun. In Köln wurde immer wieder gefragt, warum sich viele Lehrer und Schulen so schwer damit tun, neue Medien und das Lernen damit in die Schulen zu bringen. Eine wichtige kulturelle Antwort scheint mir: Solange die Lehrer verpflichtet sind, Noten zu geben, wollen sie das auch gerecht machen. Dazu bedarf es gleicher Bedingungen für alle Schüler, damit die Vergleichbarkeit und eine Scheingerechtigkeit gewahrt bleibt. Also: Alle die gleichen Aufgaben, alle gleiche Computer, alle den gleichen Browser, alle gleich…

    Damit ist der Versuch, individuelle Zugange zu schaffen, tod. Ich glaube, hier liegt eine wichtige Antwort darauf, warum neue Lernkulturen so schwer Einzug in die Schule finden.

    Wenn wir eine Neue Lernkultur fördern wollen, mussen wir uns mit dem Thema „Noten“ und Leistungsfeedback beschätigen. Es muss eine Antwort auf die alltäglichen Fragen der Schule gefunden werden, das Korsett der Noten ist an jeder Schule wirklich eng. Diese Frage nach Alternativen zu Noten scheinen sich netzaffinen Lehrer und Pädagogen bisher wenig zu stellen. Es wird aber eine Frage des Erfolges werden: Wir werden nur eine neue Lernkultur entwickeln können, wenn wir neue Formen der Rückmeldungen ohne beschämende Noten finden.

    Die perfekte Alternative habe ich auch nicht. Aber die Diskussion darüber ist wichtig. Das Aufstellen eines Smartboards oder die Ausstattung mit iPads macht noch keine neue Lernkultur.

  2. „Dauerbombardement von täglicher Bewertung “ ist der richtige Ausdruck für das Theater an der Schule. Es hat sich verselbständigt und erfüllt keinen vernünftigen Zweck außer dem, Angst zu verbreiten. In einem solchen Rahmen individualisiertes Lernen zu verwirklichen – wie es hier angesprochen wird – erledigt sich von vornherein, m. a. W. ist unmöglich.

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