Projektkurs „Von Hamburg in die Welt“

Mal richtig Zeit haben! Nicht durch 5 Kapitel hetzen bis zur nächsten Klassenarbeit! Den Sachen mal auf den Grund gehen können! An den Interessen der Schüler_innen anknüpfen! In Projekten arbeiten!

Träumen wir Pädagogen nicht immer davon, den vermeintlichen Zwängen des Lehrplans und der Klassenarbeitsplanung zu entfliehen?

Das alles soll Wirklichkeit werden in den neuen Projektkursen an der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg. Nach einjähriger Vorbereitungszeit durch die AG Projektkurse haben sich die Schüler_innen des 7. Jahrganges in 6 Projektkurse gewählt. Ich ging am Anfang des neuen Schuljahres mit dem Projektkurs „Von Hamburg in die Welt“ mit 25 Schüler_innen an den Start. In diesem Projektkurs will ich Projekte im geografischen und gesellschaftlich/politischen Kontext entwickeln.

Das erste Projekt „Expedition“ sollte die vielfältigen Möglichkeiten der geografischen Orientierung, von Himmelsrichtungen bis zu GPS zum Thema haben. Die Schüler können lernen, wie man eine Expedition plant und organisiert. Ich will sie dazu motivieren, sich mit Karten, geografischen Strukturen und immer neuen Fragen auf einer Exkursion zu beschäftigen.

Unsere erste Expedition führte uns in den nahen Park, dem Niendorfer Gehege. An der Kirche orientierten wir uns mit der aufgehenden Sonne, der Wetterfahne auf der Kirchturmspitze und der Ausrichtung des Kirchenschiffes. Mit der Kompass-App kontrollierten wir die Ausrichtung unserer Karte. Dann ging es auf zum nahen großen Spielplatz. Die erste Gruppe machte sich auf den Weg, mit der Karte in der Hand – und in falscher Richtung. Alle anderen Gruppen stratzten ohne Nachdenken hinterher. So kamen die Schüler_innen erst mit größerer Verspätung und großem Umweg an – an der Kartenorientierung müssen wir also noch arbeiten.

Auf dem Spielplatz war die Aufgabe, eine eigene Skizze des Platzes aus der Helikopter-perspektve zu zeichnen. Aber die Schüler_innen gingen lieber an den Geräten spielen, sie sind dann doch noch Kinder.

Die nächste Expedition ging dann an den Elbstrand nach Wittenbergen. Dabei stand wieder die Orientierung nach Karten auf dem Programm. Darüber hinaus wollte ich herausfinden, wie weit die Schüler_innen eigene Fragen stellen können, die man auf einer Expedition stellen, und vielleicht auch beantworten kann. Leider war das Ergebnis ernüchternd. Die Kleinen spielten am Strand und liefen die Geesthügel herunter, aber was vielleicht spannend sein könnte am Ufer des großen Flusses, fiel keinem ein. Dabei floss die Elbe gerade „verkehrt herum“ flussaufwärts, große Schiffe fuhren vorbei, ein Leuchtturm und ein Radarturm waren in Sichtweite, Wasserstandspegel konnten begutachtet werden. Viele Gelegenheiten, sich Fragen zu stellen. Aber haben wir in der Schule den Schüler_innen die Neugier schon abgewöhnt, weil wir immer die Fragen stellen?

Das Ziel des Projektkurses, an den Interessen der Schüler_innen anzuknüpfen, war noch schwer umzusetzen, weil sie einfach keine Interessen äußerten. Also mehr Geduld haben.

Wir haben dann die Expedition in der Klasse nachgearbeitet. Dabei habe ich als Lehrer dann doch wieder die Aufgaben gestellt:

  • Was muss man für eine Expedition mitnehmen?
  • Wie plant man den Weg?
  • Welche Verpflegung ist sinnvoll?
  • Welche Fragen kann man in seinem Exkursionsgebiet stellen?
  • Wie bestimmt man die Himmelsrichtungen?
  • Was muss man über den Fluss Elbe wissen?
  • Wie kann man Wege mit Karten planen? Wie kann man Tools wie http://www.Gpsies.com zur Wegplanung nutzen?

Die Schüler arbeiten mit einem Projektheft, in das sie alle Lern- und Arbeitsergebnisse eintragen. Das Projektheft ist auch ihr Lernnachweis. Bei Tests dürfen sie es zum Nachschlagen benutzen, als Belohnung für gutes Arbeiten. Leider ist die Begeisterung für das Nacharbeiten von Expeditionen, wobei man seine Erlebnisse und Erkenntnisse aufarbeitet und aufschreibt, nicht sehr beliebt bei den jungen Leuten. Die meisten Projektkursschüler_innen kommen nur sehr mühselig zu Ergebnissen in ihrem Projektheft. Etwas fünf Schüler arbeiten interessiert, sieben bekommen gar keine Ergebnisse in ihr Heft.

Bei der Projektvorstellung hatten sich die Schüler_innen wohl doch etwas falsche Vorstellungen gemacht. Sie hatten wohl den Eindruck, dass in diesem Projektkurs nur Ausflüge gemacht werden. Dass Lernen in Projekten auch fleißige Mühsal bedeutet, habe ich wohl nicht genug deutlich gemacht.

Es ist ja nichts neues in der Pädagogenszene, dass Lehrer darüber jammern, was die Schüler alles nicht können, was sie eigentlich können sollten. Wir müssen die Schüler so nehmen, wie sie zu uns kommen und das beste daraus machen. Wir Lehrer müssen das Lernsetting immer wieder so anpassen, dass für die Schüler gute Lernmöglichkeiten entstehen.

Die Zauberformel, wie ich mehr als die acht interessierten Schüler (von 25) begeistern könnte, habe ich noch nicht gefunden. 1/3 interessierte Schüler_innen sind jedoch viel zu wenig, um eine anregende Atmosphäre und ein projektorientiertes Arbeiten in einem Kurs zu ermöglichen. Erschwerend ist, dass der Kurs aus sechs verschiedenen Klassen zusammengesetzt ist. Noch sind die Schüler_innen nicht wirklich bereit, sich auf die Mitschüler aus den anderen Klassen einzulassen.

Hier ist die Ausschreibung für den Projektkurs: Ausschreibung Projektkurs

Hier sind meine bisherigen Arbeitspläne: Aufgaben Projekt1 Expedition

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Mit Trello Veranstaltungen mit Schülern organisieren

Dienstag, der 20.6.2017. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich Bedenken hatte, ob der „Schülerkongress“, der ab 12 Uhr in der Aula stattfinden sollte, auch klappen würde. Dann die Schrecksekunde um 10 Uhr: Beide Schüler, die für die Moderation und Leitung des Kongresses verantwortlich waren, haben sich krank gemeldet. Um 11 Uhr kommt die Entwarnung: Eine Schülerin, bisher eher still im Unterricht, hat sich selbstständig mit die Moderationskarten besorgt und die Leitung der Veranstaltung übernommen. Steine fielen von meinem Herzen. Vor allem auch der Stein, der daran zweifelte, dass Selbstorganisation in der Schule machbar ist.

Der „Schülerkongress“ an der Stadtteilschule Niendorf war eine der ersten selbstorganisierten Veranstaltungen, die ich mit Schülern durchgeführt habe. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, die Partizipation der jungen Leute am politischen Geschehen zu stärken. Ich wollte Räume inszenieren, in denen sie sich als „wichtig“ und als „gewollt“ und „beachtet“ erleben können.

Selbstorganisiert heißt für Lehrer auch immer: Verantwortung und Kontrolle abgeben – meist gar nicht so leicht für Lehrer, denen die „Kontrolle über den Unterrichtsprozess“ schon im Referendariat eingebleut wird.

Das fängt dann mit der Veränderung der Haltung zum Lernen an. Im Februar habe ich der Klasse den Auftrag gegeben, diesen Schülerkongress zu organisieren. Für die zwei Seminarstunden pro Woche wird die Klasse zu einer Agentur, die diesen Auftrag umsetzt. Ich wollte mich nur noch als Coach einbringen, der Impulse aus meiner Erfahrung mit politischen Veranstaltungen gibt. Es wurden zwei Projektleiter gewählt und erste Verantwortlichkeiten verteilt. Auch räumlich sollte die veränderte Haltung deutlich werden: Die Tische im Klassenraum wurden zu einem langen Konferenztisch zusammengestellt.

Das zentrale Kommunikationstool wurde ein Trello-Board.

trello.com ist ein Internet-Tool, mit dem man kostenlos Projekte und Veranstaltungen organisieren kann. Die Bedienung ist sehr intuitiv und einfach. Die Schüler fanden sich schnell mit der Handhabung zurecht. Alle Informationen wurden im Board gespeichert und waren so für alle jederzeit nutzbar. Es war nicht mehr nötig, E-mails hin und her zuschicken, und zu fragen, „hast du die E-Mail bekommen?“

Die Organisation erfolgt über eine Sachstruktur über Listen, die von links nach rechts aneinander gereiht werden; sowie über die zeitliche Struktur von oben nach unten, in dem in den Listen die Aktivitäten chronologisch abgelegt werden. Meine Aufgabe als Coach war die Erstellung dieser Struktur, die neuen Karten hinzuzufügen. In den Karten haben dann die Schüler ihre Aktivitäten abgelegt: Dateien, Kommentare und Ideen, Checklisten und Fotos waren die wichtigsten Inhalte der Karten. 

Unsere erste Aktivität war das Brainstorming von möglichen Workshop-Themen auf dem Kongress, die Brainstorming-Karten wurden auf dem Boden ausgelegt und ein Foto davon in die Trello-Liste „Workshops“ gestellt. So hatte jeder Zugriff zu den ursprünglichen Planungen.

Unter der Liste „Projektsteuerung“ habe ich für jede Woche eine Checkliste mit Aufgaben für die Projektleiter eingestellt, die diese ergänzt und mit dem „Team“ (= Klasse) abgearbeitet haben. Weitere Listen waren dann die üblichen Aufgabenbereiche einer Veranstaltung: * Teilnehmer und Akkreditierung, * Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation, * Verpflegung, * Technik, * Kommunikation mit Gästen, * Veranstaltungsformen auf dem Kongress (Workshops, Talks, open space), * Auswertung.

Eine zentrale Frage für Lehrer ist immer wieder: Wie bewerte ich dieses „nicht-unterrichtliche“ Lernen? Das tolle Engagement der Schüler nicht zu bewerten, kam für mich nicht in Frage, denn im schulischen System, das auf dauernde Bewertung aufbaut, haben nicht-bewertete Aktivitäten einen geringen Stellenwert. Ich habe eine quantitative und eine qualitative Bewertung durchgeführt. Die quantitative Bewertung erfolgte über die Trello-Liste „Arbeitsnachweise“. Hier stellte ich für jede Vorbereitungswoche eine Karte ein mit der Aufforderung an die Schüler, ihren Beitrag zum Kongress dieser Woche einzutragen. Jeder Eintrag wurde von mir in der Arbeitsliste mit einem „Haken“ dokumentiert. Durch die Trello-Liste konnte ich die Arbeitsnachweise in Ruhe anschauen und „verbuchen“. Die Schüler bekamen die eigene Verantwortung, ihren Beitrag zu dokumentieren. Durch das Trello-Tool ging auch nichts verloren, Ausreden („ich habe mein Heft zu Hause vergessen“) waren nicht mehr möglich.

Für die qualitative Bewertung der Arbeit habe ich ein Kompetenzraster „Engagement im Projekt“ entwickelt.

Hier habe ich versucht, in fünf Stufen das unterschiedliche Engagement zu beschreiben. Ich beobachte meine Schüler während der Vorbereitungsarbeit (welch ein Luxus) und ordne ihren Einsatz den Stufen zu. Natürlich habe ich vorher den Schülern dieses Kompetenzraster gegeben und sie aufgefordert, in ihren Arbeitsnachweisen sich selbst einzuschätzen. Diese Einschätzungen habe ich dann in meine Bewertungslisten eingetragen.

Diese Einschätzungen kann ich dann in Ruhe am Schreibtisch in Trello nachlesen. Das Kompetenzraster kann man sich hier herunterladen: KR Engagement Projekt

Insgesamt hat sich die Arbeit mit http://www.Trello.com bewährt. Es ist ein einfaches, leicht zu bedienendes Tool, das für die Schüler intuitiv zu bedienen ist. Als Anmeldung wird nur eine E-Mail-Adresse benötigt. Über andere Erfahrungsberichte und Tipps würde ich mich freuen.

Schülerkongress zur politischen Partizipation

Am 20.06.2017 fand an der erste Schülerkongress an der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg statt. 120 Schüler_innen der Klassen trafen sich in der Aula und in Workshops, um vier Stunden lang ihre Ideen und Forderungen im Bundestagswahljahr zu diskutieren. Mit dabei waren fünf Politiker aus dem Bezirk Eimsbüttel, die engagiert mit den jungen Leuten debattierten.

Das Politik- und Geografie-Profil 12MenschWelt der Oberstufe wollte keine Podiumsdiskussion mit Politikern, so wie sie vor der letzten Wahl stattfand. Die Schüler_innen sollten selber Gelegenheit haben, direkt mit den Politikern und untereinander ihre Gedanken und Wünsche auszutauschen. So fingen wir im Januar 2017 darüber nachzudenken, wie die jungen Leute selber aktiv einen Diskurs gestalten können. Die Idee eines Schülerkongresses wurde geboren.

Wenn der Schülerkongress eine größtmögliche Beteiligung der Schüler_innen ermöglichen soll, musste er auch selbst organisiert werden. Als Profillehrer legte ich also die Verantwortung in die Hände der „Klassen-Agentur“. Doch zur Organisation schreibe ich einen gesonderten Beitrag.

Der Schülerkongress wollte die jungen Leute dazu animieren, darüber nachzudenken, was sie von der Politik und der Gesellschaft in den nächsten vier Jahren erwarten. Mit der Bundestagswahl im September werden dafür die Weichen gestellt. Leider war bei den letzten Wahlen die Wahlbeteiligung bei Erstwählern eher gering. Deshalb war es logisch, dass die Moderatorin Nina in der ersten kleinen Talk-Runde die Politiker-Gäste fragte: „Warum sollte man heute als junger Mensch noch wählen gehen?“

 

Es antworteten Marc Schimmel von der SPD, Rüdiger Kuhn von der CDU, Johannes Müller von den Grünen und Ria Schröder von der FDP. Die Vertreterin von den Linken kam erst später hinzu.

Nach 20 Minuten ging es dann in die offene Diskussion: in einem „open space“ konnten alle Teilnehmer_innen sich nach ihren Interessen zusammentun und miteinander sprechen. Als Diskussionsanreiz hat die Profilklasse MenschWelt sechs Fragen auf Stehtischen gestellt, an denen man sich versammeln konnte.

Fragentisch

 

open space

Am Anfang war das Format für alle noch etwas ungewohnt, ist es doch in der Schule eher unüblich, dort hinzugehen, wo einen was interessiert. Aber als die Scheu abgelegt war, bildeten sich viele Diskussionsrunden. Anschließend war die Zeit der Workshops gekommen. Nina stellte die vorbereiteten Workshopthemen noch einmal für alle vor, auch wenn sich bei der Anmeldung alle Teilnehmenden schon für zwei Workshops angemeldet hatten. Jede_r konnte also an zwei Themen intensiver mitdiskutieren. Die Workshops wurden jeweils von zwei Schüler_innen der Profilklasse 12MenschWelt vorbereitet und moderiert.

Folgende Workshop-Themen wurden besprochen:

1. Umwelt
2. Legalisierung von Cannabis
3. Bildungspolitik
4. Asylpolitik
5. Sicherheitspolitik
6. Globalisisierungspolitik
7. Internet
8. Klimaschutz

In der Pause zwischen den Workshops fand die zweite kleine Talk-Runde statt: „Politiker fragen – Schüler antworten“. Wie wollten das klassische Muster durchbrechen, bei denen immer die Politiker gefragt werden. Eigentlich sollten doch die Politiker wissen wollen, was ihre Wähler denken. Die jungen Leute stellten sich mitten in die Aula und beantworteten selbstbewusst die Fragen von den Gästen.

Workshop

Politiker fragen – Schüler antworten

Die Workshops hatten das Ziel, jeweils drei Thesen oder Forderungen an die Politik der nächsten vier Jahre zu formulieren. Jede These wurde von den Workshopleiter_innen auf Karten geschrieben, die auf einer Stellwand gesammelt wurden.

Die Profilklasse 12MenschWelt wird sich jetzt nach dem Schülerkongress zusammensetzen und die Karten auswerten und die Ergebnisse an die Politiker weitergeben.

Der Schülerkongress war ein Experiment: Lassen sich die jungen Leute auf dieses Format ein? Schaffen wir das eigenständige Organisieren einer großen Veranstaltung? Haben die Schüler_innen überhaupt genug Interesse an den politischen Themen?

Die Antworten fallen positiv aus: Viele junge Leute fanden es spannend, direkt mit Politikern zu diskutieren, die ungezwungene Diskussion außerhalb des Unterrichts wurde als angenehm empfunden. Die Organisation klappte super, die organisierenden Schüler_innen haben ihren Job hervorragend gemacht.

Schon am Veranstaltungstag selber haben sich Kollegen interessiert gezeigt, den Schülerkongress im nächsten Schuljahr neu aufzulegen – vielleicht mit einem anderen Schwerpunkt. Das wichtigste ist aber, dass die jungen Menschen das Gefühl haben, dass die Gesellschaft ihnen zuhört und dass ihre Meinung und ihre Mitgestaltung gebraucht wird. So wie das Motto des Schülerkongresses es ausgedrückt hat:

Schülerkongress: Wer, wenn nicht wir? 

Johannes Müller im Gespräch mit Schülern

 

Marc Schemmel in der open space

Das Projekt wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Aktionen für eine Offene Gesellschaft.

 

 

Schülerkongress: Partizipation stärken

Schulerkongress(1)Am 20 Juni soll ein neues Projekt meine Profilklasse im Jahrgang 12 verlassen: der Schülerkongress. Jedes Semester der Studienstufe mache ich ein Projekt mit meiner Profilklasse, in der  fächerübergreifendes und projektartiges Lernen seinen Raum findet. Nach dem Gentrifizierungsprojekt zu Hamburger Stadtteilen im ersten Semester  bietet es sich im Jahr der Bundestagswahl an, ein Projekt zum politischen Diskurs zu entwickeln.

Schon länger wälze ich im Kopf Gedanken hin und her, wie man die Schür zu mehr eigener Aktivität bewegen kann. Zwölf Jahre Konsum-Lernen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Schüler sitzen in der Klasse und warten auf das, was ihnen der Lehrer präsentiert. Wenn wir das immer so machen, müssen wir Lehrpersonal uns nicht über passive Schüler wundern.

Also habe ich mir die Förderung der Partizipation auf meine Agenda für das zweite Semester-Projekt geschrieben. Ich will mit den Schülern gemeinsam einen „Schülerkongress“ organisieren, auf dem die Schüler ihre Ideen und Gedanken zum politischen Geschehen austauschen können. Das Wahljahr mit der Bundestagswahl bietet sich dazu gerade an.

Im Februar habe ich diese Projektidee in meiner Klasse verkündet. Es ist mir nicht gerade Begeisterung entgegengeschlagen, zu ungewohnt ist bei den Lernenden das Format, keine klaren Vorgaben durch die Lehrer zu bekommen. Ich habe meine Haltung erläutert, dass ich eine Idee in die Klasse bringe, aber mich dann in die Rolle eines Unterstützers oder Coaches zurückziehe. Ich habe zwei Schüler als Projektleiter wählen lassen, und ihnen dann alles weitere übergeben. Ich habe mich aber nicht zurückgezogen, sondern als „aktiver Freund“ die Planungen begleitet. Ich bin auch aktiv mit Ideen hinein gegangen, aber in erster Linie als Berater der Projektleiter.

Wir haben dann ein Karten-Brainstorming durchgeführt, um die Interessen der jungen Erwachsenen in den Blick zu bekommen. Die Karten wurden auf dem Boden sortiert und mit Oberbegriffen geclustert. Aus den Oberbegriffen wurden dann die Workshopthemen. Die Schüler übernahmen die Verantwortung für die Vorbereitung der einzelnen Workshops. 45 Minuten lang werden  sich die Schüler auf dem Kongress zu einem Thema austauschen können. Jeder Teilnehmer sollte zwei Workshops besuchen können.

Wir wollten die Klassen des 10 – 12 Jahrgangs einladen. Die 13er sind schon nicht mehr an der Schule und befinden sich in der letzten Phase der Abi-Prüfungen. Die 10.Klässler sind zwar bei der Bundestagswahl nicht wahlberechtigt, auf kommunaler Ebene haben sie in Hamburg jedoch ein Stimmrecht.

In den zwei Seminarstunden pro Woche rückten wir die Tische zu einem großen „Agentur-Konferenztisch“ zusammen und planten das weitere Vorgehen. Ich eröffnete ein „Trello.com“-Board, in dem wir die Planungen dokumentieren und steuern.

Als wir im März auf Besuch bei unserem Bundestagsabgeordneten im Berliner Bundestag waren, kamen wir auf die Idee, auch Politiker einzuladen. Es sollte aber keine der üblichen Podiumsdiskussionen geben, bei denen die Schüler passiv zuhören. Es sollte um Partizipation gehen, dem Gefühl, am Diskurs teilzunehmen und gehört zu werden. Wir wollen die Poltiker einladen, aber sie sollen eher die Chance haben, den jungen Menschen zuzuhören.  So werden wir eine Talk-Runde unter dem Motto „Politiker fragen – Schüler antworten“ machen.

Der Schülerkongress soll vier Stunden dauern, von 12.00 bis 16.00 Uhr in der Schulzeit. Wie bei einem richtigen Kongress können sich die Schüler akkreditieren und bekommen ein Namensschildchen. Nach der Eröffnung durch den Schulleiter wollen wir den Talk zwischen Poltikern und Schülern auf der Bühne durchführen. Danach geht es in zwei Workshoprunden.

Wenn es gut läuft, ergeben sich aus den Workshops Forderungen, die am Ende des Kongresses zusammengefasst und beschlossen werden können. Vielleicht kann man dann ein Forderungsmanifest an die Bundestagskandidaten übergeben.

Fortsetzung folgt. Ich werde weiter von den Vorbereitungen berichten.

Der Lehrer als Gastgeber

Lange ist es her, da begeisterten die Filme von Reinhard Kahl die Pädagogenszene. Seine Filme „Treibhäuser der Zukunft“ führten uns durch ganz Deutschland zu „gelingenden“ Schulen. Reinhard Kahl dokumentierte Schulen, in denen das Lernen besser gelingen sollte als in anderen. „Gelingen“ – das hörte sich ganz unwissenschaftlich an in Zeiten, wo über Kompetenzen und standardisierte Test diskutiert wurde. Aber das ganz undogmatisch daherkommende Wort „Gelingen“ ermöglichte einen unvoreingenommenen Blick auf das, was gezeigt wurde.

Von dem hat mich bis heute ein Lehrer der Bodenseeschule stark beeindruckt, von einer Schule, die ohne den ganzen Reformzirkus auskommt. Das Porträt dieses Lernens nannte Reinhard Kahl „Der Lehrer als Gastgeber“ – eine Haltung, die ich mir gerne immer öfter zu eigen machen möchte als Lehrer. Diese Haltung hat auch den Namen dieses Blogs geprägt:  Als Lehrer arrangiere ich eine Lernumgebung, in der das Lernen stattfinden kann. Dieses Lernen geht weit über das „Unterrichtet-Werden“ hinaus: Über das Smartphone kann an der Bushaltestelle, in der U-Bahn, in der Nacht, auf dem Klo usw. gelernt werden. Dank der Lernportale kann man immer auf die Lerninhalte zugreifen. Deshalb der Untertitel: Lernen ist immer.

In der Bodenseeschule begrüßte der Lehrer seine Schüler mit Handschlag, das war der Beginn der Stunde. Der Lehrer stellte die Lernmaterialien bereit, sprach mit einzelnen Schüler_innen, gab noch einige Tipps,  beantwortete Fragen usw. Die Schüler_innen nahmen ihre Kästen mit den Aufgaben aus dem Regal und finden an zu arbeiten. Alles ganz entspannt und gelassen, und das in einer 7. Klasse einer Werkrealschule. Ich versuche auch, mindestens zehn Minuten vor dem Klingeln im Unterrichtsraum zu sein und die Tische vorzubereiten. Bücher auf die Tische legen, Aufgabenblätter auslegen, Computer auf jeden Gruppentisch, ev. Versuche vorbereiten. Beamer anschalten, Lernportal aufrufen und ggf. ein Lernvideo aufrufen. An Tagen, an denen ich die ersten Stunden habe, versuche ich am Abend vorher die Tische vorzubereiten.

Die Schüler_innen trudeln dann so langsam ein, sitzen in den letzten Pausenminuten noch vor den Handys und klönen noch die letzten Dinge. Und dann, in der letzten Woche ist es passiert, da schaue ich um 10.03 Uhr auf die Uhr und sehe, dass alle Schüler_innen arbeiten. Ich hatte noch kein allgemeines „Guten Morgen“ gesagt, sonst ja das stumme Zeichen, so langsam die Hefte herauszuholen. Nein, oh Wunder, die Schüler_innen sind von sich aus angefangen. Was will man mehr als Lehrer?

Die Lernenden arbeiten in ihrem eigenen Tempo an den Arbeitsplänen, die auf allen Tischen liegen. Ein Arbeiten im Gleichschritt wäre in den heterogenen Inklusionsklassen auch gar nicht möglich. Ihre Bearbeitungen schreiben sie in das Lerntagebuch. Dieses ist ganz individuell gestaltet und ihr persönlicher Lernnachweis. Das Lerntagebuch sammle ich auch ein und bewerte es. Sie dürfen es auch bei Tests zum Nachschlagen benutzen – ich möchte ja kein Bulimielernen für den Test. Ich bin mir sicher, dass alles, was sie im Lerntagebuch aufgeschrieben haben, auch im Kopf verankert wird.

Die Smartphones gehören auf den Tisch und sind Bestandteil des Lernens. Ich habe die Regel aufgestellt, dass zwischen Klingeln und Klingeln das Smartphone nur für unterrichtsbezogene Dinge benutzt wird. An der Tafel hängen die QR-Codes der Lernvideos oder wichtiger Internetseiten. Die Tafel benutze ich nur für organisatorische Dinge. Lerninfos halte ich auf Flipcharts fest, da man diese auch in den nächsten Stunden noch wieder anschauen kann.

Während der 90 Minuten Lernzeit (ich drücke mich um das offizielle Wort „Unterrichtsstunde“) gibt es natürlich 1-2 kurze Inputs von mir für alle. Die Inputs sind auch für die externe Motivation wichtig. Viele Lerngegenstände sind ja nicht von sich aus spannend und sollten erst durch die Begeisterung der Lehrperson spannend inszeniert werden. An  diesem Punkt finde ich die Haltung als Gastgeber auch wichtig: Der Gastgeber möchte ja sein Essen oder den Anlass, für den geladen wurde, auch in gutem Licht dastehen, damit sich die Gäste wohlfühlen. Und ich glaube fest, wenn die Schüler_innen sich wohlfühlen, können sie auch gut lernen.

Der Lernraum (Fachraum oder Klassenraum) soll ein Ort des Lernens sein. Diese Regel gebe ich als Gastgeber vor. Wenn die Schüler_innen mal nicht gut lernen können, weil sie auf Klo müssen, das Meerschweinchen krank ist, sie mit den Gedanken woanders sind, dürfen sie eine grüne Karte auf den Tisch legen und den Lernraum verlassen. Sie geben mit der grünen Karte das Vertrauen, dieses Recht nicht auszunutzen. Das nervige „darf ich mal auf Toilette“ entfällt und unterbricht nicht mehr die Lernatmosphäre.

Ich habe einen Stuhl mit Rollen in der Klasse, mit dem ich von Tischgruppe zu Tischgruppe  rolle. Ich setze mich an die Tischgruppe und spreche mit den Schüler_innen über ihre Aufgaben oder gebe ihnen noch zusätzliche Inputs. Eine individuellere Betreuung ist kaum möglich. Durch den Rollstuhl kann ich immer auf Augenhöhe bleiben und spreche nicht „von oben“ mit den Lernenden.

 

Lernen in Projekten mit Projektkursen

Lernen in Projekten ist ja eigentlich ein alter pädagogischer Hut. Projektwochen sind seit Jahrzehnten im Jahreskalender fast aller Schulen zu finden. Projektwochen sind meist beliebt bei den Schüler_innen, weil dann der wöchentliche Rhythmus des lehrgangsmäßigen Lernens durchbrochen wird und kein Druck durch Noten, Tests oder Klausuren besteht.

Die Lehrenden sehen Projektwochen unterschiedlich, es gibt die Projektbegeisterten, aber auch die Kritischen, die Projektwochen als Mehrarbeit sehen und Projektzeit als Abzug ihrer Lehrzeit sehen, um das „Pensum“ zu schaffen.

Projekte bleiben trotz langer Erfahrungen eine Insel im pädagogischen Geschäft. An der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg, eine Gesamtschule mit Abitur am bürgerlichen Stadtrand, wird schon seit mehreren Jahren versucht, Projektlernen in das alltägliche, wöchentliche Stundenplankonzept zu integrieren. Wir sind davon überzeugt, dass das Projektlernen eine wichtige Säule für den Zugang zur Welt für junge Menschen darstellt. Neben dem lehrgangsmäßigen Lernen (Arbeitsblatt 1 – 5, Chapter 9-12) bietet das Projektlernen viele Vorteile:

  1. Das Lehrgangsmäßige Lernen benutzt eine systematische Erarbeitung eines Lerngegenstandes. Das Lernen im Projekt ist in seiner Systematik prozessorientiert. Der Ablauf steht nicht von vornherein fest und wird im Projekt laufend entwickelt. 
  2. Die systematische Erarbeitung im lehrgangsmäßigen Lernen wird in der Regel von der Lehrperson nach didaktischen Grundsätzen in Form von Aufgaben, Arbeitsplänen oder Stationen vorgelegt. Die Lernenden müssen diesen Lehrgang übernehmen, auch wenn sie einzelne Auswahlmöglichkeiten, meist hinsichtlich des Anforderungsgrades, haben. Im Projekt wird die Aufgabenstruktur gemeinsam zwischen Lehrenden und Lernenden entwickelt. 
  3. Die Ziele im lehrgangsmäßigen Lernen sind von außen, meist durch Bildungspläne, aber auch durch Fächer und Fach-Lehrende festgelegt. Kompetenzen sind genau beschrieben. Die Lernziele werden durch Lernüberprüfungen abgeprüft. Im projektorientierten Lernen sind die Ziele nicht genau definiert, sondern werden im Prozess des Projektes schrittweise definiert und auch geändert. Die Form der Zielüberprüfung ist offen. 
  4. Lehrgangsorientiertes Lernen hat eine eher lineare Struktur. Aufgaben bauen aufeinander auf, Kompetenzen werden Schritt für Schritt entwickelt. Im projektorientierten Lernen findet man eine eher konzentrische, zyklische Struktur, in der der Fortgang des Projektes immer wieder neu bestimmt und abgeklärt wird. 
  5. Im lehrgangsmäßigen Lernen zielt das Handeln eher auf einen kognitiven Gewinn, einen Kompetenzzuwachs, der messbar ist. In einem Projekt liegt das Ziel eher auf das Erreichen eines Produktes, eines Ergebnisses. Der Kompetenzzuwachs ist eine Art „Nebeneffekt“. Im Projekt spielt die Erfahrung eine größere Rolle als das Wissen. 

Was sind die Vorteile projektorientierten Lernens?

  1. Projektlernen ermöglicht mehr selbstgesteuertes Lernen. Eigene Entscheidungen der Lernenden sind nötig. Dadurch könnte sich mehr Kreativität entwickeln, aber auch eine Überforderung eintreten. 
  2. Projektlernen ermöglicht selbstbestimmteres Lernen. Das Gefühl eines entfremdeten Lernens kann geringer sein. 
  3. Projektlernen ermöglicht einen größeren lebensweltlichen Bezug. Es werden in der Regel Produkte hergestellt, in denen sich die Ergebnisse des Lernens vergegenständlichen. Das ermöglicht eine größere Identifizierung der Lernenden mit dem Lernen. 
  4. Projektlernen hat einen starken Bezug zu Erfahrungen mit Prozessen. 
  5. Projektlernen kann einen stärkere emotionale Wirkung haben, was eine Verankerung des Gelernten und Erfahrenen im Gehirn begünstigt.

Seit mehreren Jahren werden an der Stadtteilschule Niendorf in den Jahrgängen 8 und 9 die Klassen nach „Profilklassen“ zusammengestellt, in denen ein gemeinsames Projekt im Vordergrund steht. Es gibt Profilklassen „Stage“, „Innendesign“, „Bewegung und Gesundheit“, „Music“, „Medien“, „Natur“ usw. Die Profilklassen arbeiten an einem Schultag 6 Unterrichtsstunden an ihrem Projekt. Dabei sind die Klassen auch aufgefordert, möglichst oft die Schule zu verlassen und außerschulische Lernorte zu besuchen.

Dieses Konzept der Profilklassen wird nun weiter entwickelt. An kommenden Schuljahr starten wir im Jahrgang 7 mit Projektkursen. Auf die schulorganisatorischen Gründe (Klassenlehrer_innen können ihre Klasse länger führen, Schulwechsler vom Gymnasium können leichter integriert werden, das Projektlernen wird um ein Jahr verlängert, Jg. 7-9) möchte ich hier nicht weiter eingehen. Das Setting, es wird einen Schultag lang sechs Unterrichtsstunden in einem Projekt gearbeitet, bleibt erhalten.

Mit der Einführung von Projektkursen kann das Projektlernen um ein Jahr ausgeweitet werden. Einen Tag in der Woche können die Schüler_innen 6 Unterrichtsstunden lang an einem Projekt arbeiten. Die Projekte werden aus mindestens zwei Fächern gebildet. Die Schüler_innen wählen für drei Jahre einen Projektkurs mit einem Schwerpunkt. Wir bieten künstlerische, gesellschaftliche, bewegungsorientierte, naturwissenschaftliche gesellschaftliche und   produktionsorientierte Projektkurse an.

Das Stundenkontingent stammt aus dem Bereich der Wahlpflichtkurse, die seit dreißig Jahren wichtiger Bestandteil der Gesamtschulen sind.

Die Ausbildungsordnung erlaubt leider noch nicht, im Zeugnis eine Projektnote auszuweisen. Die Benotung muss einem Fach zugeordnet sein, für das ein Bildungsplan existiert. Noten soll es auf jeden Fall geben, denn an der Schule hat (leider) nur das einen Wert, was auch benotet wird. Wenn wir das Projektlernen ernst nehmen wollen, muss auch eine Note ausgeben werden. Zu der Benotung werde ich noch einen weiteren Beitrag verfassen.

Im klassischen Verständnis sollte es auch einen Projektkurs „Medien“ geben. Ich glaube jedoch, dass (digitale) Medien kein Inhalt an sich sind, sondern ein Mittel der Weltaneignung, die an allen Inhalten angewendet werden können. Ich kann mir eher einen Projektkurs mit einem Inhalt vorstellen, der als Arbeitsmittel besonders digitale Medien benutzt.

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Inklusion schaffen mit differenziertem Lernarrangement

Inklusion? Klar, machen wir. Wir sind ja politisch korrekt. Und dann steht man da als Physik-Lehrer im Jahrgang 9 und steht 24 unterschiedlichen Schüler_innen gegenüber, von denen drei offiziell den Status von Förderschülern haben, etliche darüber hinaus eher große Schwierigkeiten mit dem Lernen haben – ohne dass sie einen Förderstatus haben. Drei Schüler haben den Ehrgeiz auf die Oberstufe gehen zu wollen. Und viele, die Veranstaltung, die man so Unterricht nennt, einfach über sich ergehen lässt. Das ganz normale eben. img_0875

Dass jetzt neben den ganzen verschiedenen Persönlichkeiten nun auch einige Förderschüler mit in der Klasse sitzen, macht die Heterogenität nur noch etwas bunter, die Bandbreite der Leistungsmöglichkeiten nur noch etwas größer. Ich musste mir also überlegen, wie ich auf diese Situation reagiere. Vielleicht kann mir das digitale Lernen weiterhelfen.img_0871

Ich habe die zwei wöchentlichen Physikstunden stark durchdifferenziert. Es gibt in diesen Stunden einen gemeinsamen Teil, in dem ich mit der Klasse über ein Thema spreche, etwas erkläre oder wir die Inhalte wiederholen. Der größte Teil der Stunde arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Tischgruppen. Dazu schreibe ich alle Aufgaben auf einen Arbeitsplan, der auf allen Tischen ausliegt. Die Schüler_innen nehmen sich entsprechend ihrer Leistungsfähigkeiten die Aufgaben heraus oder arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Grundlegende Anforderungen sind die Aufgaben in grün, „Advanced“ die Aufgaben in orange und blau sind die „master“-Aufgaben. phy9_ltb6_energieumwandlung

Die Aufgaben sind auch auf der Lernplattform, dem virtuellen Klassenraum, verfügbar. Diesen virtuellen Klassenraum habe ich über den Beamer auf die Leinwand projiziert. Hier sind dann auch noch Internetlinks und Videos zum Thema verfügbar. Die Erklärvideos sind auch mit einem QR-Code, der an der Wand hängt, abrufbar. Ja, die Schüler_innen dürfen ihre Handys für lernbezogene Dinge im Unterricht nutzen. Auf den Tischen liegen neben Büchern, dem Arbeitsplan, einem Kompetenzraster zur Beurteilung der Selbststeuerung ihrer Arbeit auch ein Macbook. Mit diesem kann an der Tischgruppe auf den virtuellen Klassenraum und weiteren Lernseiten zugegriffen werden. img_0872

Durch dieses Lernarrangement habe ich die Chance, von Tischgruppe zu Tischgruppe zu gehen, mit den Schüler_innen zu sprechen, Hilfen zu geben, zu motivieren usw. Ich kann also individuell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen, je nach ihrem Lernniveau. Jetzt kann ich mir die Zeit nehmen, mit den Aspiranten auf die Oberstufe auf höherem Niveau zu sprechen, sowie den Förderschülern Hilfen und Tipps zu geben.

Theoretisch! In der Praxis bin ich natürlich nicht teilbar und habe viel zu wenig Zeit für die einzelnen Schülergruppen. Probleme mit dem Lernen bedeutet für viele Schüler_innen eben auch, kaum eigenen Antrieb zum Arbeiten zu haben. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, die jungen Leute dazu zu bewegen, überhaupt ihre Unterlagen herauszuholen, ihre Privatgespräche in die Pause zu verlegen oder sich überhaupt erst einmal auf eine Lernsituation einzulassen. Hierbei ist dann noch kein inhaltliches Wort gefallen. Für meine Wahrnehmung kommt inhaltlich viel zu wenig herum. img_0874

Helfen die digitalen Tools? Perspektivisch schon. Aber digitales Lernen erfordert genauso das Beherrschen von Kulturtechniken wie das Aufschlagen eines Buches. Das Aufschreiben von eigenen Inhalten mit einem Computer braucht genauso Kompetenzen wie das Schreiben in einem Heft. Diese müssen genauso gelernt werden wie das Schreiben mit Papier und Stift. Und bei den digitalen Kulturtechniken gibt es das gleiche Kompetenzgefälle wie bei den analogen Techniken. Also ist hier Beharrlichkeit wie immer beim Lernen gefordert. In einer Inklusionsklasse gehört das Arbeiten mit dem Computer genauso dazu wie das Ausschneiden und Aufkleben von Bildchen ins Heft.

Besonders die Animationen und die Erklärfilme helfen vielen Schüler_innen beim Verstehen von komplexen Dingen. Man kann sich diese Hilfen mehrfach ansehen, bis man es kapiert hat. Auf der Lernplattform kann ich die Links zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass die Schüler_innen nicht im Netz versinken.

Meine Antwort auf die Herausforderungen der heterogenen Gruppen in der Inklusion ist das hochdifferenzierte Arbeiten mit Arbeitsplänen und vielfältigen Lernangeboten. Diese Angebote liegen auf einem Materialientisch, wo sich jeder Schüler_in sich die für sich wichtigen Materialien nehmen kann. IMG_0873.JPG

Trotzdem sehe ich Grenzen, in wie weit ich den unterschiedlichen Anforderungen heterogener Schüler_innen-Gruppen als einzelner Lehrer gerecht werden kann. Neulich kam es im Rahmen der Notenbesprechung zu einem offenen Streit zwischen einer leistungsstarken und einer schwächeren Schülerin. Beide beschwerten sich, dass ich mich zu wenig um sie kümmere. Deshalb unterstütze ich die Volksinitiative „Gute Inklusion“ in Hamburg.

http://gute-inklusion.de

Die Volksinitiative hat eine Unterschriftensammlung in Hamburg gestartet, um die Bedingungen für Inklusion an den Schulen zu verbessern. Inklusion ist eben nicht zum Nulltarif zu bekommen.