Mit Trello Veranstaltungen mit Schülern organisieren

Dienstag, der 20.6.2017. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich Bedenken hatte, ob der „Schülerkongress“, der ab 12 Uhr in der Aula stattfinden sollte, auch klappen würde. Dann die Schrecksekunde um 10 Uhr: Beide Schüler, die für die Moderation und Leitung des Kongresses verantwortlich waren, haben sich krank gemeldet. Um 11 Uhr kommt die Entwarnung: Eine Schülerin, bisher eher still im Unterricht, hat sich selbstständig mit die Moderationskarten besorgt und die Leitung der Veranstaltung übernommen. Steine fielen von meinem Herzen. Vor allem auch der Stein, der daran zweifelte, dass Selbstorganisation in der Schule machbar ist.

Der „Schülerkongress“ an der Stadtteilschule Niendorf war eine der ersten selbstorganisierten Veranstaltungen, die ich mit Schülern durchgeführt habe. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, die Partizipation der jungen Leute am politischen Geschehen zu stärken. Ich wollte Räume inszenieren, in denen sie sich als „wichtig“ und als „gewollt“ und „beachtet“ erleben können.

Selbstorganisiert heißt für Lehrer auch immer: Verantwortung und Kontrolle abgeben – meist gar nicht so leicht für Lehrer, denen die „Kontrolle über den Unterrichtsprozess“ schon im Referendariat eingebleut wird.

Das fängt dann mit der Veränderung der Haltung zum Lernen an. Im Februar habe ich der Klasse den Auftrag gegeben, diesen Schülerkongress zu organisieren. Für die zwei Seminarstunden pro Woche wird die Klasse zu einer Agentur, die diesen Auftrag umsetzt. Ich wollte mich nur noch als Coach einbringen, der Impulse aus meiner Erfahrung mit politischen Veranstaltungen gibt. Es wurden zwei Projektleiter gewählt und erste Verantwortlichkeiten verteilt. Auch räumlich sollte die veränderte Haltung deutlich werden: Die Tische im Klassenraum wurden zu einem langen Konferenztisch zusammengestellt.

Das zentrale Kommunikationstool wurde ein Trello-Board.

trello.com ist ein Internet-Tool, mit dem man kostenlos Projekte und Veranstaltungen organisieren kann. Die Bedienung ist sehr intuitiv und einfach. Die Schüler fanden sich schnell mit der Handhabung zurecht. Alle Informationen wurden im Board gespeichert und waren so für alle jederzeit nutzbar. Es war nicht mehr nötig, E-mails hin und her zuschicken, und zu fragen, „hast du die E-Mail bekommen?“

Die Organisation erfolgt über eine Sachstruktur über Listen, die von links nach rechts aneinander gereiht werden; sowie über die zeitliche Struktur von oben nach unten, in dem in den Listen die Aktivitäten chronologisch abgelegt werden. Meine Aufgabe als Coach war die Erstellung dieser Struktur, die neuen Karten hinzuzufügen. In den Karten haben dann die Schüler ihre Aktivitäten abgelegt: Dateien, Kommentare und Ideen, Checklisten und Fotos waren die wichtigsten Inhalte der Karten. 

Unsere erste Aktivität war das Brainstorming von möglichen Workshop-Themen auf dem Kongress, die Brainstorming-Karten wurden auf dem Boden ausgelegt und ein Foto davon in die Trello-Liste „Workshops“ gestellt. So hatte jeder Zugriff zu den ursprünglichen Planungen.

Unter der Liste „Projektsteuerung“ habe ich für jede Woche eine Checkliste mit Aufgaben für die Projektleiter eingestellt, die diese ergänzt und mit dem „Team“ (= Klasse) abgearbeitet haben. Weitere Listen waren dann die üblichen Aufgabenbereiche einer Veranstaltung: * Teilnehmer und Akkreditierung, * Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation, * Verpflegung, * Technik, * Kommunikation mit Gästen, * Veranstaltungsformen auf dem Kongress (Workshops, Talks, open space), * Auswertung.

Eine zentrale Frage für Lehrer ist immer wieder: Wie bewerte ich dieses „nicht-unterrichtliche“ Lernen? Das tolle Engagement der Schüler nicht zu bewerten, kam für mich nicht in Frage, denn im schulischen System, das auf dauernde Bewertung aufbaut, haben nicht-bewertete Aktivitäten einen geringen Stellenwert. Ich habe eine quantitative und eine qualitative Bewertung durchgeführt. Die quantitative Bewertung erfolgte über die Trello-Liste „Arbeitsnachweise“. Hier stellte ich für jede Vorbereitungswoche eine Karte ein mit der Aufforderung an die Schüler, ihren Beitrag zum Kongress dieser Woche einzutragen. Jeder Eintrag wurde von mir in der Arbeitsliste mit einem „Haken“ dokumentiert. Durch die Trello-Liste konnte ich die Arbeitsnachweise in Ruhe anschauen und „verbuchen“. Die Schüler bekamen die eigene Verantwortung, ihren Beitrag zu dokumentieren. Durch das Trello-Tool ging auch nichts verloren, Ausreden („ich habe mein Heft zu Hause vergessen“) waren nicht mehr möglich.

Für die qualitative Bewertung der Arbeit habe ich ein Kompetenzraster „Engagement im Projekt“ entwickelt.

Hier habe ich versucht, in fünf Stufen das unterschiedliche Engagement zu beschreiben. Ich beobachte meine Schüler während der Vorbereitungsarbeit (welch ein Luxus) und ordne ihren Einsatz den Stufen zu. Natürlich habe ich vorher den Schülern dieses Kompetenzraster gegeben und sie aufgefordert, in ihren Arbeitsnachweisen sich selbst einzuschätzen. Diese Einschätzungen habe ich dann in meine Bewertungslisten eingetragen.

Diese Einschätzungen kann ich dann in Ruhe am Schreibtisch in Trello nachlesen. Das Kompetenzraster kann man sich hier herunterladen: KR Engagement Projekt

Insgesamt hat sich die Arbeit mit http://www.Trello.com bewährt. Es ist ein einfaches, leicht zu bedienendes Tool, das für die Schüler intuitiv zu bedienen ist. Als Anmeldung wird nur eine E-Mail-Adresse benötigt. Über andere Erfahrungsberichte und Tipps würde ich mich freuen.

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Schülerkongress zur politischen Partizipation

Am 20.06.2017 fand an der erste Schülerkongress an der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg statt. 120 Schüler_innen der Klassen trafen sich in der Aula und in Workshops, um vier Stunden lang ihre Ideen und Forderungen im Bundestagswahljahr zu diskutieren. Mit dabei waren fünf Politiker aus dem Bezirk Eimsbüttel, die engagiert mit den jungen Leuten debattierten.

Das Politik- und Geografie-Profil 12MenschWelt der Oberstufe wollte keine Podiumsdiskussion mit Politikern, so wie sie vor der letzten Wahl stattfand. Die Schüler_innen sollten selber Gelegenheit haben, direkt mit den Politikern und untereinander ihre Gedanken und Wünsche auszutauschen. So fingen wir im Januar 2017 darüber nachzudenken, wie die jungen Leute selber aktiv einen Diskurs gestalten können. Die Idee eines Schülerkongresses wurde geboren.

Wenn der Schülerkongress eine größtmögliche Beteiligung der Schüler_innen ermöglichen soll, musste er auch selbst organisiert werden. Als Profillehrer legte ich also die Verantwortung in die Hände der „Klassen-Agentur“. Doch zur Organisation schreibe ich einen gesonderten Beitrag.

Der Schülerkongress wollte die jungen Leute dazu animieren, darüber nachzudenken, was sie von der Politik und der Gesellschaft in den nächsten vier Jahren erwarten. Mit der Bundestagswahl im September werden dafür die Weichen gestellt. Leider war bei den letzten Wahlen die Wahlbeteiligung bei Erstwählern eher gering. Deshalb war es logisch, dass die Moderatorin Nina in der ersten kleinen Talk-Runde die Politiker-Gäste fragte: „Warum sollte man heute als junger Mensch noch wählen gehen?“

 

Es antworteten Marc Schimmel von der SPD, Rüdiger Kuhn von der CDU, Johannes Müller von den Grünen und Ria Schröder von der FDP. Die Vertreterin von den Linken kam erst später hinzu.

Nach 20 Minuten ging es dann in die offene Diskussion: in einem „open space“ konnten alle Teilnehmer_innen sich nach ihren Interessen zusammentun und miteinander sprechen. Als Diskussionsanreiz hat die Profilklasse MenschWelt sechs Fragen auf Stehtischen gestellt, an denen man sich versammeln konnte.

Fragentisch

 

open space

Am Anfang war das Format für alle noch etwas ungewohnt, ist es doch in der Schule eher unüblich, dort hinzugehen, wo einen was interessiert. Aber als die Scheu abgelegt war, bildeten sich viele Diskussionsrunden. Anschließend war die Zeit der Workshops gekommen. Nina stellte die vorbereiteten Workshopthemen noch einmal für alle vor, auch wenn sich bei der Anmeldung alle Teilnehmenden schon für zwei Workshops angemeldet hatten. Jede_r konnte also an zwei Themen intensiver mitdiskutieren. Die Workshops wurden jeweils von zwei Schüler_innen der Profilklasse 12MenschWelt vorbereitet und moderiert.

Folgende Workshop-Themen wurden besprochen:

1. Umwelt
2. Legalisierung von Cannabis
3. Bildungspolitik
4. Asylpolitik
5. Sicherheitspolitik
6. Globalisisierungspolitik
7. Internet
8. Klimaschutz

In der Pause zwischen den Workshops fand die zweite kleine Talk-Runde statt: „Politiker fragen – Schüler antworten“. Wie wollten das klassische Muster durchbrechen, bei denen immer die Politiker gefragt werden. Eigentlich sollten doch die Politiker wissen wollen, was ihre Wähler denken. Die jungen Leute stellten sich mitten in die Aula und beantworteten selbstbewusst die Fragen von den Gästen.

Workshop

Politiker fragen – Schüler antworten

Die Workshops hatten das Ziel, jeweils drei Thesen oder Forderungen an die Politik der nächsten vier Jahre zu formulieren. Jede These wurde von den Workshopleiter_innen auf Karten geschrieben, die auf einer Stellwand gesammelt wurden.

Die Profilklasse 12MenschWelt wird sich jetzt nach dem Schülerkongress zusammensetzen und die Karten auswerten und die Ergebnisse an die Politiker weitergeben.

Der Schülerkongress war ein Experiment: Lassen sich die jungen Leute auf dieses Format ein? Schaffen wir das eigenständige Organisieren einer großen Veranstaltung? Haben die Schüler_innen überhaupt genug Interesse an den politischen Themen?

Die Antworten fallen positiv aus: Viele junge Leute fanden es spannend, direkt mit Politikern zu diskutieren, die ungezwungene Diskussion außerhalb des Unterrichts wurde als angenehm empfunden. Die Organisation klappte super, die organisierenden Schüler_innen haben ihren Job hervorragend gemacht.

Schon am Veranstaltungstag selber haben sich Kollegen interessiert gezeigt, den Schülerkongress im nächsten Schuljahr neu aufzulegen – vielleicht mit einem anderen Schwerpunkt. Das wichtigste ist aber, dass die jungen Menschen das Gefühl haben, dass die Gesellschaft ihnen zuhört und dass ihre Meinung und ihre Mitgestaltung gebraucht wird. So wie das Motto des Schülerkongresses es ausgedrückt hat:

Schülerkongress: Wer, wenn nicht wir? 

Johannes Müller im Gespräch mit Schülern

 

Marc Schemmel in der open space

Das Projekt wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Aktionen für eine Offene Gesellschaft.

 

 

Schülerkongress: Partizipation stärken

Schulerkongress(1)Am 20 Juni soll ein neues Projekt meine Profilklasse im Jahrgang 12 verlassen: der Schülerkongress. Jedes Semester der Studienstufe mache ich ein Projekt mit meiner Profilklasse, in der  fächerübergreifendes und projektartiges Lernen seinen Raum findet. Nach dem Gentrifizierungsprojekt zu Hamburger Stadtteilen im ersten Semester  bietet es sich im Jahr der Bundestagswahl an, ein Projekt zum politischen Diskurs zu entwickeln.

Schon länger wälze ich im Kopf Gedanken hin und her, wie man die Schür zu mehr eigener Aktivität bewegen kann. Zwölf Jahre Konsum-Lernen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Schüler sitzen in der Klasse und warten auf das, was ihnen der Lehrer präsentiert. Wenn wir das immer so machen, müssen wir Lehrpersonal uns nicht über passive Schüler wundern.

Also habe ich mir die Förderung der Partizipation auf meine Agenda für das zweite Semester-Projekt geschrieben. Ich will mit den Schülern gemeinsam einen „Schülerkongress“ organisieren, auf dem die Schüler ihre Ideen und Gedanken zum politischen Geschehen austauschen können. Das Wahljahr mit der Bundestagswahl bietet sich dazu gerade an.

Im Februar habe ich diese Projektidee in meiner Klasse verkündet. Es ist mir nicht gerade Begeisterung entgegengeschlagen, zu ungewohnt ist bei den Lernenden das Format, keine klaren Vorgaben durch die Lehrer zu bekommen. Ich habe meine Haltung erläutert, dass ich eine Idee in die Klasse bringe, aber mich dann in die Rolle eines Unterstützers oder Coaches zurückziehe. Ich habe zwei Schüler als Projektleiter wählen lassen, und ihnen dann alles weitere übergeben. Ich habe mich aber nicht zurückgezogen, sondern als „aktiver Freund“ die Planungen begleitet. Ich bin auch aktiv mit Ideen hinein gegangen, aber in erster Linie als Berater der Projektleiter.

Wir haben dann ein Karten-Brainstorming durchgeführt, um die Interessen der jungen Erwachsenen in den Blick zu bekommen. Die Karten wurden auf dem Boden sortiert und mit Oberbegriffen geclustert. Aus den Oberbegriffen wurden dann die Workshopthemen. Die Schüler übernahmen die Verantwortung für die Vorbereitung der einzelnen Workshops. 45 Minuten lang werden  sich die Schüler auf dem Kongress zu einem Thema austauschen können. Jeder Teilnehmer sollte zwei Workshops besuchen können.

Wir wollten die Klassen des 10 – 12 Jahrgangs einladen. Die 13er sind schon nicht mehr an der Schule und befinden sich in der letzten Phase der Abi-Prüfungen. Die 10.Klässler sind zwar bei der Bundestagswahl nicht wahlberechtigt, auf kommunaler Ebene haben sie in Hamburg jedoch ein Stimmrecht.

In den zwei Seminarstunden pro Woche rückten wir die Tische zu einem großen „Agentur-Konferenztisch“ zusammen und planten das weitere Vorgehen. Ich eröffnete ein „Trello.com“-Board, in dem wir die Planungen dokumentieren und steuern.

Als wir im März auf Besuch bei unserem Bundestagsabgeordneten im Berliner Bundestag waren, kamen wir auf die Idee, auch Politiker einzuladen. Es sollte aber keine der üblichen Podiumsdiskussionen geben, bei denen die Schüler passiv zuhören. Es sollte um Partizipation gehen, dem Gefühl, am Diskurs teilzunehmen und gehört zu werden. Wir wollen die Poltiker einladen, aber sie sollen eher die Chance haben, den jungen Menschen zuzuhören.  So werden wir eine Talk-Runde unter dem Motto „Politiker fragen – Schüler antworten“ machen.

Der Schülerkongress soll vier Stunden dauern, von 12.00 bis 16.00 Uhr in der Schulzeit. Wie bei einem richtigen Kongress können sich die Schüler akkreditieren und bekommen ein Namensschildchen. Nach der Eröffnung durch den Schulleiter wollen wir den Talk zwischen Poltikern und Schülern auf der Bühne durchführen. Danach geht es in zwei Workshoprunden.

Wenn es gut läuft, ergeben sich aus den Workshops Forderungen, die am Ende des Kongresses zusammengefasst und beschlossen werden können. Vielleicht kann man dann ein Forderungsmanifest an die Bundestagskandidaten übergeben.

Fortsetzung folgt. Ich werde weiter von den Vorbereitungen berichten.

Der Lehrer als Gastgeber

Lange ist es her, da begeisterten die Filme von Reinhard Kahl die Pädagogenszene. Seine Filme „Treibhäuser der Zukunft“ führten uns durch ganz Deutschland zu „gelingenden“ Schulen. Reinhard Kahl dokumentierte Schulen, in denen das Lernen besser gelingen sollte als in anderen. „Gelingen“ – das hörte sich ganz unwissenschaftlich an in Zeiten, wo über Kompetenzen und standardisierte Test diskutiert wurde. Aber das ganz undogmatisch daherkommende Wort „Gelingen“ ermöglichte einen unvoreingenommenen Blick auf das, was gezeigt wurde.

Von dem hat mich bis heute ein Lehrer der Bodenseeschule stark beeindruckt, von einer Schule, die ohne den ganzen Reformzirkus auskommt. Das Porträt dieses Lernens nannte Reinhard Kahl „Der Lehrer als Gastgeber“ – eine Haltung, die ich mir gerne immer öfter zu eigen machen möchte als Lehrer. Diese Haltung hat auch den Namen dieses Blogs geprägt:  Als Lehrer arrangiere ich eine Lernumgebung, in der das Lernen stattfinden kann. Dieses Lernen geht weit über das „Unterrichtet-Werden“ hinaus: Über das Smartphone kann an der Bushaltestelle, in der U-Bahn, in der Nacht, auf dem Klo usw. gelernt werden. Dank der Lernportale kann man immer auf die Lerninhalte zugreifen. Deshalb der Untertitel: Lernen ist immer.

In der Bodenseeschule begrüßte der Lehrer seine Schüler mit Handschlag, das war der Beginn der Stunde. Der Lehrer stellte die Lernmaterialien bereit, sprach mit einzelnen Schüler_innen, gab noch einige Tipps,  beantwortete Fragen usw. Die Schüler_innen nahmen ihre Kästen mit den Aufgaben aus dem Regal und finden an zu arbeiten. Alles ganz entspannt und gelassen, und das in einer 7. Klasse einer Werkrealschule. Ich versuche auch, mindestens zehn Minuten vor dem Klingeln im Unterrichtsraum zu sein und die Tische vorzubereiten. Bücher auf die Tische legen, Aufgabenblätter auslegen, Computer auf jeden Gruppentisch, ev. Versuche vorbereiten. Beamer anschalten, Lernportal aufrufen und ggf. ein Lernvideo aufrufen. An Tagen, an denen ich die ersten Stunden habe, versuche ich am Abend vorher die Tische vorzubereiten.

Die Schüler_innen trudeln dann so langsam ein, sitzen in den letzten Pausenminuten noch vor den Handys und klönen noch die letzten Dinge. Und dann, in der letzten Woche ist es passiert, da schaue ich um 10.03 Uhr auf die Uhr und sehe, dass alle Schüler_innen arbeiten. Ich hatte noch kein allgemeines „Guten Morgen“ gesagt, sonst ja das stumme Zeichen, so langsam die Hefte herauszuholen. Nein, oh Wunder, die Schüler_innen sind von sich aus angefangen. Was will man mehr als Lehrer?

Die Lernenden arbeiten in ihrem eigenen Tempo an den Arbeitsplänen, die auf allen Tischen liegen. Ein Arbeiten im Gleichschritt wäre in den heterogenen Inklusionsklassen auch gar nicht möglich. Ihre Bearbeitungen schreiben sie in das Lerntagebuch. Dieses ist ganz individuell gestaltet und ihr persönlicher Lernnachweis. Das Lerntagebuch sammle ich auch ein und bewerte es. Sie dürfen es auch bei Tests zum Nachschlagen benutzen – ich möchte ja kein Bulimielernen für den Test. Ich bin mir sicher, dass alles, was sie im Lerntagebuch aufgeschrieben haben, auch im Kopf verankert wird.

Die Smartphones gehören auf den Tisch und sind Bestandteil des Lernens. Ich habe die Regel aufgestellt, dass zwischen Klingeln und Klingeln das Smartphone nur für unterrichtsbezogene Dinge benutzt wird. An der Tafel hängen die QR-Codes der Lernvideos oder wichtiger Internetseiten. Die Tafel benutze ich nur für organisatorische Dinge. Lerninfos halte ich auf Flipcharts fest, da man diese auch in den nächsten Stunden noch wieder anschauen kann.

Während der 90 Minuten Lernzeit (ich drücke mich um das offizielle Wort „Unterrichtsstunde“) gibt es natürlich 1-2 kurze Inputs von mir für alle. Die Inputs sind auch für die externe Motivation wichtig. Viele Lerngegenstände sind ja nicht von sich aus spannend und sollten erst durch die Begeisterung der Lehrperson spannend inszeniert werden. An  diesem Punkt finde ich die Haltung als Gastgeber auch wichtig: Der Gastgeber möchte ja sein Essen oder den Anlass, für den geladen wurde, auch in gutem Licht dastehen, damit sich die Gäste wohlfühlen. Und ich glaube fest, wenn die Schüler_innen sich wohlfühlen, können sie auch gut lernen.

Der Lernraum (Fachraum oder Klassenraum) soll ein Ort des Lernens sein. Diese Regel gebe ich als Gastgeber vor. Wenn die Schüler_innen mal nicht gut lernen können, weil sie auf Klo müssen, das Meerschweinchen krank ist, sie mit den Gedanken woanders sind, dürfen sie eine grüne Karte auf den Tisch legen und den Lernraum verlassen. Sie geben mit der grünen Karte das Vertrauen, dieses Recht nicht auszunutzen. Das nervige „darf ich mal auf Toilette“ entfällt und unterbricht nicht mehr die Lernatmosphäre.

Ich habe einen Stuhl mit Rollen in der Klasse, mit dem ich von Tischgruppe zu Tischgruppe  rolle. Ich setze mich an die Tischgruppe und spreche mit den Schüler_innen über ihre Aufgaben oder gebe ihnen noch zusätzliche Inputs. Eine individuellere Betreuung ist kaum möglich. Durch den Rollstuhl kann ich immer auf Augenhöhe bleiben und spreche nicht „von oben“ mit den Lernenden.

 

Lernen in Projekten mit Projektkursen

Lernen in Projekten ist ja eigentlich ein alter pädagogischer Hut. Projektwochen sind seit Jahrzehnten im Jahreskalender fast aller Schulen zu finden. Projektwochen sind meist beliebt bei den Schüler_innen, weil dann der wöchentliche Rhythmus des lehrgangsmäßigen Lernens durchbrochen wird und kein Druck durch Noten, Tests oder Klausuren besteht.

Die Lehrenden sehen Projektwochen unterschiedlich, es gibt die Projektbegeisterten, aber auch die Kritischen, die Projektwochen als Mehrarbeit sehen und Projektzeit als Abzug ihrer Lehrzeit sehen, um das „Pensum“ zu schaffen.

Projekte bleiben trotz langer Erfahrungen eine Insel im pädagogischen Geschäft. An der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg, eine Gesamtschule mit Abitur am bürgerlichen Stadtrand, wird schon seit mehreren Jahren versucht, Projektlernen in das alltägliche, wöchentliche Stundenplankonzept zu integrieren. Wir sind davon überzeugt, dass das Projektlernen eine wichtige Säule für den Zugang zur Welt für junge Menschen darstellt. Neben dem lehrgangsmäßigen Lernen (Arbeitsblatt 1 – 5, Chapter 9-12) bietet das Projektlernen viele Vorteile:

  1. Das Lehrgangsmäßige Lernen benutzt eine systematische Erarbeitung eines Lerngegenstandes. Das Lernen im Projekt ist in seiner Systematik prozessorientiert. Der Ablauf steht nicht von vornherein fest und wird im Projekt laufend entwickelt. 
  2. Die systematische Erarbeitung im lehrgangsmäßigen Lernen wird in der Regel von der Lehrperson nach didaktischen Grundsätzen in Form von Aufgaben, Arbeitsplänen oder Stationen vorgelegt. Die Lernenden müssen diesen Lehrgang übernehmen, auch wenn sie einzelne Auswahlmöglichkeiten, meist hinsichtlich des Anforderungsgrades, haben. Im Projekt wird die Aufgabenstruktur gemeinsam zwischen Lehrenden und Lernenden entwickelt. 
  3. Die Ziele im lehrgangsmäßigen Lernen sind von außen, meist durch Bildungspläne, aber auch durch Fächer und Fach-Lehrende festgelegt. Kompetenzen sind genau beschrieben. Die Lernziele werden durch Lernüberprüfungen abgeprüft. Im projektorientierten Lernen sind die Ziele nicht genau definiert, sondern werden im Prozess des Projektes schrittweise definiert und auch geändert. Die Form der Zielüberprüfung ist offen. 
  4. Lehrgangsorientiertes Lernen hat eine eher lineare Struktur. Aufgaben bauen aufeinander auf, Kompetenzen werden Schritt für Schritt entwickelt. Im projektorientierten Lernen findet man eine eher konzentrische, zyklische Struktur, in der der Fortgang des Projektes immer wieder neu bestimmt und abgeklärt wird. 
  5. Im lehrgangsmäßigen Lernen zielt das Handeln eher auf einen kognitiven Gewinn, einen Kompetenzzuwachs, der messbar ist. In einem Projekt liegt das Ziel eher auf das Erreichen eines Produktes, eines Ergebnisses. Der Kompetenzzuwachs ist eine Art „Nebeneffekt“. Im Projekt spielt die Erfahrung eine größere Rolle als das Wissen. 

Was sind die Vorteile projektorientierten Lernens?

  1. Projektlernen ermöglicht mehr selbstgesteuertes Lernen. Eigene Entscheidungen der Lernenden sind nötig. Dadurch könnte sich mehr Kreativität entwickeln, aber auch eine Überforderung eintreten. 
  2. Projektlernen ermöglicht selbstbestimmteres Lernen. Das Gefühl eines entfremdeten Lernens kann geringer sein. 
  3. Projektlernen ermöglicht einen größeren lebensweltlichen Bezug. Es werden in der Regel Produkte hergestellt, in denen sich die Ergebnisse des Lernens vergegenständlichen. Das ermöglicht eine größere Identifizierung der Lernenden mit dem Lernen. 
  4. Projektlernen hat einen starken Bezug zu Erfahrungen mit Prozessen. 
  5. Projektlernen kann einen stärkere emotionale Wirkung haben, was eine Verankerung des Gelernten und Erfahrenen im Gehirn begünstigt.

Seit mehreren Jahren werden an der Stadtteilschule Niendorf in den Jahrgängen 8 und 9 die Klassen nach „Profilklassen“ zusammengestellt, in denen ein gemeinsames Projekt im Vordergrund steht. Es gibt Profilklassen „Stage“, „Innendesign“, „Bewegung und Gesundheit“, „Music“, „Medien“, „Natur“ usw. Die Profilklassen arbeiten an einem Schultag 6 Unterrichtsstunden an ihrem Projekt. Dabei sind die Klassen auch aufgefordert, möglichst oft die Schule zu verlassen und außerschulische Lernorte zu besuchen.

Dieses Konzept der Profilklassen wird nun weiter entwickelt. An kommenden Schuljahr starten wir im Jahrgang 7 mit Projektkursen. Auf die schulorganisatorischen Gründe (Klassenlehrer_innen können ihre Klasse länger führen, Schulwechsler vom Gymnasium können leichter integriert werden, das Projektlernen wird um ein Jahr verlängert, Jg. 7-9) möchte ich hier nicht weiter eingehen. Das Setting, es wird einen Schultag lang sechs Unterrichtsstunden in einem Projekt gearbeitet, bleibt erhalten.

Mit der Einführung von Projektkursen kann das Projektlernen um ein Jahr ausgeweitet werden. Einen Tag in der Woche können die Schüler_innen 6 Unterrichtsstunden lang an einem Projekt arbeiten. Die Projekte werden aus mindestens zwei Fächern gebildet. Die Schüler_innen wählen für drei Jahre einen Projektkurs mit einem Schwerpunkt. Wir bieten künstlerische, gesellschaftliche, bewegungsorientierte, naturwissenschaftliche gesellschaftliche und   produktionsorientierte Projektkurse an.

Das Stundenkontingent stammt aus dem Bereich der Wahlpflichtkurse, die seit dreißig Jahren wichtiger Bestandteil der Gesamtschulen sind.

Die Ausbildungsordnung erlaubt leider noch nicht, im Zeugnis eine Projektnote auszuweisen. Die Benotung muss einem Fach zugeordnet sein, für das ein Bildungsplan existiert. Noten soll es auf jeden Fall geben, denn an der Schule hat (leider) nur das einen Wert, was auch benotet wird. Wenn wir das Projektlernen ernst nehmen wollen, muss auch eine Note ausgeben werden. Zu der Benotung werde ich noch einen weiteren Beitrag verfassen.

Im klassischen Verständnis sollte es auch einen Projektkurs „Medien“ geben. Ich glaube jedoch, dass (digitale) Medien kein Inhalt an sich sind, sondern ein Mittel der Weltaneignung, die an allen Inhalten angewendet werden können. Ich kann mir eher einen Projektkurs mit einem Inhalt vorstellen, der als Arbeitsmittel besonders digitale Medien benutzt.

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Inklusion schaffen mit differenziertem Lernarrangement

Inklusion? Klar, machen wir. Wir sind ja politisch korrekt. Und dann steht man da als Physik-Lehrer im Jahrgang 9 und steht 24 unterschiedlichen Schüler_innen gegenüber, von denen drei offiziell den Status von Förderschülern haben, etliche darüber hinaus eher große Schwierigkeiten mit dem Lernen haben – ohne dass sie einen Förderstatus haben. Drei Schüler haben den Ehrgeiz auf die Oberstufe gehen zu wollen. Und viele, die Veranstaltung, die man so Unterricht nennt, einfach über sich ergehen lässt. Das ganz normale eben. img_0875

Dass jetzt neben den ganzen verschiedenen Persönlichkeiten nun auch einige Förderschüler mit in der Klasse sitzen, macht die Heterogenität nur noch etwas bunter, die Bandbreite der Leistungsmöglichkeiten nur noch etwas größer. Ich musste mir also überlegen, wie ich auf diese Situation reagiere. Vielleicht kann mir das digitale Lernen weiterhelfen.img_0871

Ich habe die zwei wöchentlichen Physikstunden stark durchdifferenziert. Es gibt in diesen Stunden einen gemeinsamen Teil, in dem ich mit der Klasse über ein Thema spreche, etwas erkläre oder wir die Inhalte wiederholen. Der größte Teil der Stunde arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Tischgruppen. Dazu schreibe ich alle Aufgaben auf einen Arbeitsplan, der auf allen Tischen ausliegt. Die Schüler_innen nehmen sich entsprechend ihrer Leistungsfähigkeiten die Aufgaben heraus oder arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Grundlegende Anforderungen sind die Aufgaben in grün, „Advanced“ die Aufgaben in orange und blau sind die „master“-Aufgaben. phy9_ltb6_energieumwandlung

Die Aufgaben sind auch auf der Lernplattform, dem virtuellen Klassenraum, verfügbar. Diesen virtuellen Klassenraum habe ich über den Beamer auf die Leinwand projiziert. Hier sind dann auch noch Internetlinks und Videos zum Thema verfügbar. Die Erklärvideos sind auch mit einem QR-Code, der an der Wand hängt, abrufbar. Ja, die Schüler_innen dürfen ihre Handys für lernbezogene Dinge im Unterricht nutzen. Auf den Tischen liegen neben Büchern, dem Arbeitsplan, einem Kompetenzraster zur Beurteilung der Selbststeuerung ihrer Arbeit auch ein Macbook. Mit diesem kann an der Tischgruppe auf den virtuellen Klassenraum und weiteren Lernseiten zugegriffen werden. img_0872

Durch dieses Lernarrangement habe ich die Chance, von Tischgruppe zu Tischgruppe zu gehen, mit den Schüler_innen zu sprechen, Hilfen zu geben, zu motivieren usw. Ich kann also individuell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen, je nach ihrem Lernniveau. Jetzt kann ich mir die Zeit nehmen, mit den Aspiranten auf die Oberstufe auf höherem Niveau zu sprechen, sowie den Förderschülern Hilfen und Tipps zu geben.

Theoretisch! In der Praxis bin ich natürlich nicht teilbar und habe viel zu wenig Zeit für die einzelnen Schülergruppen. Probleme mit dem Lernen bedeutet für viele Schüler_innen eben auch, kaum eigenen Antrieb zum Arbeiten zu haben. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, die jungen Leute dazu zu bewegen, überhaupt ihre Unterlagen herauszuholen, ihre Privatgespräche in die Pause zu verlegen oder sich überhaupt erst einmal auf eine Lernsituation einzulassen. Hierbei ist dann noch kein inhaltliches Wort gefallen. Für meine Wahrnehmung kommt inhaltlich viel zu wenig herum. img_0874

Helfen die digitalen Tools? Perspektivisch schon. Aber digitales Lernen erfordert genauso das Beherrschen von Kulturtechniken wie das Aufschlagen eines Buches. Das Aufschreiben von eigenen Inhalten mit einem Computer braucht genauso Kompetenzen wie das Schreiben in einem Heft. Diese müssen genauso gelernt werden wie das Schreiben mit Papier und Stift. Und bei den digitalen Kulturtechniken gibt es das gleiche Kompetenzgefälle wie bei den analogen Techniken. Also ist hier Beharrlichkeit wie immer beim Lernen gefordert. In einer Inklusionsklasse gehört das Arbeiten mit dem Computer genauso dazu wie das Ausschneiden und Aufkleben von Bildchen ins Heft.

Besonders die Animationen und die Erklärfilme helfen vielen Schüler_innen beim Verstehen von komplexen Dingen. Man kann sich diese Hilfen mehrfach ansehen, bis man es kapiert hat. Auf der Lernplattform kann ich die Links zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass die Schüler_innen nicht im Netz versinken.

Meine Antwort auf die Herausforderungen der heterogenen Gruppen in der Inklusion ist das hochdifferenzierte Arbeiten mit Arbeitsplänen und vielfältigen Lernangeboten. Diese Angebote liegen auf einem Materialientisch, wo sich jeder Schüler_in sich die für sich wichtigen Materialien nehmen kann. IMG_0873.JPG

Trotzdem sehe ich Grenzen, in wie weit ich den unterschiedlichen Anforderungen heterogener Schüler_innen-Gruppen als einzelner Lehrer gerecht werden kann. Neulich kam es im Rahmen der Notenbesprechung zu einem offenen Streit zwischen einer leistungsstarken und einer schwächeren Schülerin. Beide beschwerten sich, dass ich mich zu wenig um sie kümmere. Deshalb unterstütze ich die Volksinitiative „Gute Inklusion“ in Hamburg.

http://gute-inklusion.de

Die Volksinitiative hat eine Unterschriftensammlung in Hamburg gestartet, um die Bedingungen für Inklusion an den Schulen zu verbessern. Inklusion ist eben nicht zum Nulltarif zu bekommen.

Systemisches Arbeiten an der Schule

Seit einem halben Jahr mache ich eine zweijährige Ausbildung zum systemischen Berater. Ich möchte damit meine Kompetenzen und Erfahrungen erweitern, um gezielter Schüler_innen fördern zu können.

Worum geht es dabei?

Der systemische Ansatz geht davon aus, dass die Menschen in einen Geflecht auch Beziehungen und Rollen handeln und sich entsprechend verhalten. Dabei ist jeder Mensch ein „geschlossenes System“, das autonom handelt und von außen nicht beeinflussbar ist. Im System Schule bedeutet dieses, dass Aufforderungen, wie „du musst dich mehr melden“ oder „du sollst deine Hausaufgaben machen“, sinnlos sind.

Wichtiger wäre aus systemischer Sicht herauszufinden, was den Schüler hindert, sich zu melden oder Hausaufgaben zu machen, und wie man das System, das Setting ändern kann, damit die Möglichkeit besteht, sein Verhalten zu ändern. Aufforderungen allein reichen nicht aus.

Hier setzen die Lernentwicklungsgespräche (LEGs) an, die ich (und die ganze Schule) in der letzten Woche mit meinen Schülern geführt habe. Für jeden Schüler und dessen Eltern habe ich 30 Minuten Zeit, individuell zu sprechen. In 30 Minuten lässt sich schon einiges entwickeln, und ich empfinde die LEGs einen deutlichen Fortschritt zu den früheren, und an anderen Schulen noch üblichen Elternsprechtagen.

Aus der systemischen Sicht nehme ich erst einmal eine wertschätzende Haltung ein. Ich gehe davon aus, dass jeder Schüler etwas lernen will und sich verbessern möchte. Ich versuche diese Haltung in einer anerkennenden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dabei stelle ich Fragen und halte mich mit eigenen Einschätzungen zurück. Ich gehe davon aus, dass meine Schüler_innen selbst Experten für ihr Handeln sind. Meine Aufgabe ist es, durch geschicktes Fragen die Schüler_innen selbst zu Lösungen und Einschätzungen kommen zu lassen. Die Lösung für Probleme sind immer schon im Individuum vorhanden und müssen nur „freigelegt“ werden.

Ich versuche in der systemischen Beratung von den Potentialen und Ressourcen der Schüler_innen, die mir gegenüber sitzen, auszugehen. Deshalb ist es wichtig, diese erst einmal herauszufinden. Das ist in der Schule oft gar nicht so einfach, weil das System Schule leider noch immer eher auf die Defizite schaut, auf das was die Lernenden noch nicht können. Auch ich bin wider besseren Wissens gefangener des Systems Schule. Um so wichtiger ist die Betrachtung der Ressourcen in einem LEG. Dabei ist es immer wieder überraschend, dass die Lernenden sich oft negativer einschätzen als ich es auch meiner Sicht machen würde. Wir benutzen dafür Ankreuzlisten zu unterschiedlichen Aussagen. Meine Aufgabe ist es in dieser Phase, die Potentiale der Schüler_innen sichtbar zu machen und ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie aufbauen können.

Dann beginnt die Identifizierung der Baustellen, die die Lernenden bearbeiten wollen. Das sollten nicht mehr als drei sein, weil mehr Veränderung  kein Mensch auf einmal bewältigen kann. Daraus werden Ziele formuliert, die erreicht werden wollen. Die Ziele sollten SMART sein, also Spezifisch (genau), Messbar, Akzeptabel, Realistisch und Terminierbar sein. Der häufig von Schüler_innen genannte Wunsch, „ich will mich in Mathe verbessern“, ist nicht spezifisch, weil viel zu ungenau ist, und er ist nicht messbar. Auch hier nehme ich eine beratende Haltung ein und versuche, die Ziele mit den Lernenden gemeinsam zu entwickeln.

Wir überprüfen die Ziele im Gespräch durch „zirkuläre Fragen„, indem wir schauen, was andere dazu sagen würden, wenn das Ziel erreicht wäre. „Was würde deine Mutter, deine Geschwister, dein Bauch dazu sagen, wenn du selbstbewusster geworden bist und dich um Unterricht trauen würdest, etwas zu sagen?“ Manchmal bringen diese Sichtweisen starke Emotionen hoch, heute brach eine Schülerin in Tränen aus, als sie sich vorstellte, sie und ihre Mutter könnte ganz stolz auf sie sein.

Ziele können natürlich nicht „in einem Rutsch“ erreicht werden, deshalb ist es wichtig, den ersten Schritt herauszufinden. Dabei helfen Skalierungen weiter: „Stelle dir eine Skala von 1 – 10 vor und markiere die Stelle, wo du heute in Bezug auf deine Frage stehst. Wo willst du in einem halben Jahr sein? Was wäre der erste Schritt in diese Richtung?“

Leider reicht die Zeit für eine Auswirkungsüberprüfung nicht mehr aus: „Was wäre das für ein Gefühl, wenn du dein Ziel erreicht hast?“

Am Ende des Lernentwicklungsgespräches fasse ich das besprochene noch einmal zusammen. Auf einem Formblatt sind die Besprechungspunkte festgehalten. Alle Beteiligten unterschreiben, Schüler_innen, Eltern, Lehrer_innen.

Ich empfinde die Lernentwicklungsgespräche als ein Highlight im Schuljahr. Selten gibt es intensivere Momente, in denen man die Entwicklung von jungen Menschen begleiten und unterstützen kann. Die wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung öffnet die Lernenden Schritt für Schritt. Es ist dann schön zu merken, wie sich Entwicklung und Veränderung dann von selbst entwickelt. Eine fordernde Haltung („die Schüler sollen…“) ist wenig hilfreich für die Entwicklung einer positiven Lernkultur.